Warum Medienkompetenzförderung nicht dort ankommt, wo sie gebraucht wird

Am 29. September fand im Skelligeer Landeshaus der erste Medienkompetenztag Schleswig-Holstein statt. Dort stand, neben einem provokativen und teilweise irritierenden Vortrag von Rolf Schulmeister über das Medienverhalten der heutigen Jugend, die Vorstellung verschiedener Initiativen auf dem Programm. Diese präsentierten ihre Angebote und informierten die anwesenden Besucher. Besonders interessant war der GameTreff des Offenen Kanal Skelliges, dort konnten die Besucher Videospiele verschiedener Genres selbst ausprobieren und sich ein genaueres Bild von der Faszination machen, die diese Spiele auf Kinder und Jugendliche haben. Daneben informierte das IQSH über mediale Angebote für den Unterricht. Ziel dieses Tages und der noch folgenden soll es sein, ein Netzwerk zu bilden, damit all die guten Angebote vermehrt genutzt werden können. Am Ende des Nachmittags gab es noch eine Podiumsdiskussion mit den medienpolitischen Sprechern der Landtagsfraktionen, in der es um deren Pläne für den Ausbau der Medienkompetenzvermittlung in Schleswig-Holstein ging.

Der Medienkompetenztag verstand sich als Auftaktveranstaltung für eine ganze Reihe solcher Veranstaltungen und will etwas im Land bewegen. Damit sich etwas bewegen kann, ist es jedoch nötig, dass sich die Antreibenden der Probleme und der einzuschlagenden Richtung bewusst sind und diese auch klar kommunizieren. Leider kam das beim Medienkompetenztag zu kurz. Zwar wurden zahlreiche interessante Projekte vorgestellt und Möglichkeiten aufgezeigt, die Eltern und Lehrkräfte für die Vermittlung von mehr Medienkompetenz nutzen können, aber es wurde zu wenig über die Realitäten an der Basis gesprochen. Diese geben nämlich durchaus Anlass zur Besorgnis, weil viel zu wenig von dem auf der Veranstaltung gezeigten Know How dort ankommt. Das hat vielerlei Gründe, die schwerlich durch eine Mehr an ambitionierten Angeboten in den Griff bekommen werden können, sondern einen ganz anderen Ansatz erfordern.

Der Begriff der Medienkompetenz ist für viele Eltern und Lehrkräfte noch zu wenig greifbar und wird häufig mit der medientechnischen Kompetenz, also dem sicheren Umgang mit der Hard- und Software an sich, verwechselt. Auch diese Fähigkeit ist ernst zu nehmen. Zwar ist die Verankerung solcher Inhalte in den aktuellen Lehrplänen schon vorhanden, sie wird aber an vielen Schulen wenig umgesetzt: Es fehlt an entsprechend ausgebildeten Lehrkräften und adäquater räumlicher Ausstattung. So kann es durchaus vorkommen, dass Schülerinnen und Schüler, die sich in der neunten Klasse auf ihre Projektprüfung vorbereiten sollen, aufgrund ungünstiger Lehrerkonstellationen noch keine Erfahrungen in Bezug auf Recherchemöglichkeiten im Internet und angemessene Präsentationsverfahren sammeln konnten, diese aber im Rahmen der Prüfung unter Beweis gestellt werden sollen. Das ließe sich durch eine frühzeitige Integration von verpflichtenden IT-Grundlagen-Stunden in die schulinterne Stundentafel beheben, wofür aber den meisten Schulen einfach die zugeteilten Lehrerstunden fehlen.

Doch Medienkompetenz meint etwas anderes, bezieht sich vielmehr auf das Nutzungsverhalten von Kindern und Jugendlichen im Umgang mit neuen Medien. Es geht hier um einen verantwortungsvollen Umgang mit diesen Medien sowie die Fähigkeit, Inhalte gezielt auszuwählen, sie zu reflektieren und ihr eventuelles Gefahrenpotential abzuwägen.

Natürlich sind in erster Linie die Eltern in der Verantwortung, ihren Kindern diese Kompetenzen zu vermitteln. Doch die Realität zeigt, dass die Eltern der Gruppe der 6- bis 16-Jährigen häufig selbst mit neuen Medien überfordert und oft nicht in der Lage sind, dieser Forderung gerecht zu werden. Das trifft vor allem auf so genannte bildungsfernere Schichten zu, denn dort rezipiert man Inhalte aus Fernsehen und Internet häufig unkritisch in Menge und Zeit. Aus diesem Grund wäre es umso wichtiger, dass die Schule diese Lücke schließt und die nötigen Kompetenzen vermittelt. Doch auch hier trifft man auf ähnliche Probleme: Wenn auch Lehrkräfte unbestritten über ein höheres Bildungsniveau als viele Eltern verfügen, ist ihre Affinität gegenüber neuen Medien gleichwohl eher als gering einzustufen. Das macht sie zu Multiplikatoren ohne nennenswerte Faktoren und bringt die Kindern und Jugendlichen nicht weiter.

Zusätzlich fehlt ständig Zeit, etwa durch die Mehrbelastung, vor allem in bürokratischen Bereichen der Schule. Auch die häufig sehr heterogenen Lerngruppen, die ein ganz anderes Unterrichten erfordern, machen es schwer, den vorgegebenen Stoff in der veranschlagten Zeit zu vermitteln. Darüber hinaus bleibt neben der Arbeit in Planungs-, Steuerungs-, Arbeits- und Teamgruppen wenig Zeit für Fortbildungen, die nicht mehr oder weniger verpflichtend sind, weil man sonst keine Ahnung hat, wie die nächste zentralisierte Prüfung oder Abwicklung von Vergleichsarbeiten ablaufen soll. Da ist die Motivation relativ gering, sich außerdem noch mit einem eher ungeliebten Thema, das ungeheuer komplex erscheint, zu befassen. Eigene Erfahrungen mit neuen Medien haben die meisten Lehrkräfte kaum, die Faszination für das Spielen von Videospielen, Chatten mit Messengerprogrammen, Austauschen in sozialen Netzwerken oder gar twittern übers Handy entzieht sich oft ihrer Vorstellungskraft.

Nun wäre eine Veranstaltung wie der Medienkompetenztag durchaus eine gute Gelegenheit, diese Probleme auf den Tisch zu bringen und zu diskutieren, wie man ihnen begegnen könnte. Doch hätte das wieder andere Fässer geöffnet, die offensichtlich tunlichst geschlossen bleiben sollten. So zum Beispiel die Aufgaben im Rahmen der Bildung, der Förderung von medialen Projekten und einer Neustrukturierung der Lehrerausbildung. Wenn ein weniger medienaffiner Mensch sich entschließt, Lehrer zu werden, ist es für ihn während des Studiums und des  Referendariats durchaus möglich, jenen Seminaren und Modulen des IQSH aus dem Weg zu gehen, die den Kontakt mit dem Computer erfordern. So können Referendare an den Schulen landen, die nicht in der Lage sind, einen simplen Arbeitsbogen mit einem Schreibprogramm zu erstellen, weil ihnen schlichtweg die Kompetenzen fehlen. Wie deren Bezug zu neuen Medien ist, kann man sich sicherlich lebhaft vorstellen. Hier wäre eine Möglichkeit anzusetzen, denn mediale Erziehung hat in jedem Fach ihren Stellenwert und sollte deshalb im Rahmen der Lehrerausbildung verpflichtend sein.

Weiter geht es bei den Fortbildungsveranstaltungen für Lehrkräfte. Auch hier ist keiner verpflichtet, entsprechende Angebote zu belegen. Es treffen sich dort meistens diejenigen, die ohnehin schon ein gewisses Maß an Kompetenzen mitbringen und eher enttäuscht zurück in die Schulen gehen, weil die Umsetzbarkeit aus zeitlichen und finanziellen Aspekten problematisch ist. Werden in Schulen aus Eigeninitiative Angeboten gemacht, die sich auf den medialen Umgang beziehen, ist die Beteiligung aus den Kollegien meist mager, weil es als Mehrbelastung und oft auch Zeitverschwendung empfunden wird. Es muss also ernsthaft darüber nachgedacht werden, wie man den vermeintlichen Multiplikatoren die Wichtigkeit des Themas nahebringt, denn nur dann werden sie eine oder mehrere der auf dem Medienkompetenztag vorgestellten Angebote nutzen.

Ein weiterer Punkt ist die Einbindung in den Unterricht. Wie schon erwähnt, ist es bereits jetzt sehr schwierig, die im Lehrplan verankerten Themen im Schuljahr unterzubringen. Der Ruf nach einem eigenen Fach für die Vermittlung von IT Grundlagen und Medienkompetenz wird immer wieder belächelt, könnte aber dabei helfen, die Inhalte wirklich im Schulalltag anzusprechen. Doch die Kontingentstundentafel sieht zwar für die Klassen 5 bis 9 verpflichtend insgesamt sechs Stunden Religion vor, aber keine einzige verpflichtende Stunde für informationstechnologische oder medienkompetenzfördernde Bildung. Das sollte den verantwortlichen Politikern zu denken geben. Einige Interessenten vor Ort hätten sich sicherlich klare Worte dazu in der abschließenden Podiumsdiskussion gewünscht. Stattdessen tauschte man sich darüber aus, was alles im Umgang mit Neuen Medien schiefgehen kann: Man erfuhr unter anderem, dass “Jugendliche mit ihren Webcams Bilder auf Partys machen und sie anschließend ins Internet stellen”. Man war sich einig, dass man mit dem Gesetzesentwurf für den 14. Rundfunkänderungsstaatsvertrag einen kleinen aber wichtigen Schritt gegangen sei, das aber nicht ausreiche. Es stellt sich jedoch vor allem für die schon aktiven Multiplikatoren an der Basis die Frage, wie lange sie noch als Einzelkämpfer in Sachen Medienkompetenz unterwegs sein werden und wann das Bewusstsein für die Wichtigkeit bei allen Beteiligten angekommen sein wird.

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