Nur Nummern im Bildungssystem

Grey59  / pixelio.de

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Es war einmal eine Schule, in einem Stadtteil, der herkömmlicherweise als Brennpunkt bezeichnet wurde.1 Es gab sie schon seit vielen Jahren und unter ihrem Dach waren verschiedene Schulformen untergebracht, die mehr oder weniger gut miteinander harmonierten. Eines Tages kamen ein paar Politiker auf die Idee, dass es an der Zeit für Veränderungen in der Schullandschaft sei und propagierten die Vorteile von Gemeinschaftsschulen. „Mehr Bildungsgerechtigkeit, weniger Selektion, längeres gemeinsames Lernen …“. Das stieß bei einigen Lehrer und Schuleitern in der besagten Schule auf offene Ohren, denn ihnen waren die Schubladen, in die die Schüler schon mit zehn Jahren gesteckt wurden, ein Dorn im Auge. Also machten sie sich auf den Weg, eine Gemeinschaftsschule zu werden. Da es sich für den Stadtteil eignete und die Entscheider in Ministerium und Schulamt auch davon begeistert schienen, legten sie noch einen drauf und wurden zur gebundenen Ganztagsschule – wenn dann richtig!

Die nächsten vier Jahre waren sehr anstrengend für alle, denn irgendwie war alles jetzt anders. Die Realschullehrer wunderten sich über die nicht so schlauen Schüler, die Hauptschullehrer über die schlaueren Schüler und alle über die langen Tage, denn da war nix mehr mit ‚vormittags Recht haben und nachmittags frei‘.

Damit die Schule auch wirklich etwas Besonderes werden konnte, mussten aber noch mehr Neuerungen her. Inklusion – eine tolle Sache – alles sind verschieden, aber lernen doch gemeinsam. Doch das braucht Menschen, die sich mit den vielfältigen Besonderheiten auskennen und da gibt es per Definition eine Menge, also bräuchte es auch eine Menge besonderer Lehrer. Dazu kommen noch all die Schüler, die ihre Besonderheit nicht mit einem Zettel attestiert bekommen haben, aber trotzdem ganz viel besondere Zuwendung brauchen. Um allen gemeinsam über neun Stunden eines jeden Tages das zu geben, was sie brauchen, ist Kontinuität besonders wichtig.

Manchen von ihnen fällt es schwer zu Menschen Vertrauen zu haben, da sie sich in ihrem Leben bisher noch nicht so richtig daran gewöhnen konnten. Da ist Beziehungsarbeit gefragt und die funktioniert nur dann, wenn die Beziehungspartner auch verlässlich da sind. Doch leider sind sie für die Entscheider nur kleine Nummern im System, ebenso wie ihre Lehrer. Die sind nämlich längst nicht alle auf der sicheren Seite und sitzen sich ihre faulen Beamtenhintern auf den weichen Sesseln hinter dem Lehrerpult breit. Viele von ihnen sind befristet angestellt und verdienen nicht mehr als die Verkäuferinnen im Einzelhandel – da haben sich Studium und Referendariat doch schon mal gelohnt. In den Sommerferien bekommen sie oft auch gar kein Geld, weil der Vertrag nur bis zum letzten Schultag geht. Dann sind sie arbeitslos und müssen sich wieder in den Reigen der Bewerber auf befristete Stellen einreihen.

Dank eines ungeheuer fortschrittlichen Schachzugs von Seiten des Ministeriums wurde die Stellenbesetzung immer mehr den Schulen überlassen und sie können über ein Onlineportal ihre zu besetzenden Stellen ausschreiben und dann die Bewerber auswählen, die zur Schule passen. Eigentlich toll, wenn da nicht die gute alte deutsche Bürokratie auch noch ein Wörtchen mitzureden hätte. Auf eine Stelle als Grund- und Hauptschullehrer dürfen sich nur eben diese Lehrer bewerben. Wenn ein quasi überqualifizierter Realschul- oder Gymnasiallehrer für ein schlechteres Gehalt arbeiten wollen würde, weil ihm die Schüler ans Herz gewachsen sind, weil er sich im Kollegium wohlfühlt oder seine vor einem Jahr übernommene Klasse auch im Abschlussjahrgang gern weiter unterrichten möchte, schlagen die Bürokratie und die Vorschriften gnadenlos dazwischen und versuchen dies zu verhindern.

Irgendeinem klugen Entscheiderkopf ist nun aufgefallen, das es ja eine Menge Geld spart, wenn man durch Pensionierung frei werdene gut bezahlte und sicher Stellen umwandeln könnte, um daraus schlecht bezahlte und unsichere befristete Stellen zu machen. Kaum entdeckt, wurde das auch konsequent umgesetzt, natürlich mit der schon erwähnten fehlenden Abwärtskompatibilität für die möglichen Bewerber. Um es der Schule auch nicht zu leicht zu machen, ihre Ideen und Konzepte umzusetzen, wurden noch eine ganze Reihe Stolpersteine bei der Stellenbesetzung eingebaut. Ein Auswahlteam muss aus vier Personen bestehen, es müssen pro zu besetzender Stelle mindestens drei Bewerber eingeladen werden, die Stellen dürfen erst kurz vor den Sommerferien ausgeschrieben werden und müssen mindestens 14 Tage im Onlineportal stehen, bevor man mögliche Kandidaten einladen darf. Für die besagte Schule bedeutet das, dass ab der zweiten Ferienwoche so um die 30 Bewerber eingeladen werden können, um all die neuen Stellen zu besetzen. Dafür müssen eine ganze Reihe engagierter Kollegen übermorgen verabschiedet werden, die dann nicht wissen, wie es nach den Ferien für sie weitergehen wird, weil sie dummerweise überqualifiziert sind. Dabei haben sie sich ein Jahr lang in all die neuen Konzepte der Schule eingearbeitet, Schüler-Lehrer-Beziehungen geknüpft und gepflegt, Eltern überstützt, Klassenfahrten geplant und ihre Kollegen schätzen gelernt. Sie waren angekommen und werden nun wieder rausgerissen, ohne Perspektive für das neue Schuljahr. Doch auch sie sind in den Planungstabellen der Entscheider nur Nummern im System und Nummern haben keine Familien zu ernähren, Häuser oder Wohnungen zu unterhalten oder sich an ihrem Arbeitsplatz wohlzufühlen. Nummern können warten, Nummern brauchen machen sich keine Sorgen, wie es weitergeht und wo sie landen werden.

„Gute Bildung von Anfang an ist die Voraussetzung für soziale Gerechtigkeit und soziale Stabilität.“ Gut liest sich das im Koalitionsvertrag der regierenden Parteien. Die Umsetzung lässt zu wünschen übrig. Schuldenabbau hin oder her, der jetzt eingeschlagene Weg bedeutet für die Schüler, Eltern und Lehrer ebendieser Schule alles andere als Stabilität und sozial ist auch irgendwie etwas anderes. Manche Klassen werden in fast allen Fächern neue Lehrer bekommen, die dann wieder anfangen, Beziehungen zu knüpfen und zu pflegen – für ein Jahr. Wie kann man von neuen Kollegen, die eine gewissen Zeit brauchen, sich in dieser besonderen Schule zu akklimatisieren  erwarten, dass sie Innovationen entwickeln, besondere Aufgaben übernehmen, die Zeitfresser sind, Klassenfahrten planen, wenn sie nicht wissen, ob sie zum Zeitpunkt der Fahrt noch an der Schule sein werden oder intensive Elternarbeit leisten, für die es auch eine gewisse Zeit der Annäherung braucht?
Die Handlungsmöglichkeiten sind für die Schule gering, denn die Entscheider sind nicht offen für Argumente, haben keinen Einblick in die besondere Arbeit in dieser Umgebung und für sie ist auch diese Schule nur eine Nummer im System.

1 Ähnlichkeiten mit realen Orten, Personen oder Handlungen sind rein zufällig 😉

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2 Gedanken zu „Nur Nummern im Bildungssystem

  1. Pingback: Ergebnisse der Woche ab dem 2013-06-14 | Iron Blogger Skellige

  2. Orrr, man mag dieses Dilemma ja kaum lesen.

    Das liest sich wirklich furchtbar. Manchmal beschleicht mich der Verdacht, dass diese Schulsystem so wie sie angelegt werden nur Opfer und Frust in allen beteiligten Gruppen produzieren.

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