Blutspur durch die Medien

…Die Königin schlägt den Jungen mitten ins Gesicht, so dass es anfängt zu bluten. Kurze Zeit später muss er zusehen, wie der Faun, der ihm helfen wollte qualvoll zu Eis erstarrt. Er steht daneben und sieht das Leid und die Schmerzen in seinem Gesicht und kann nichts dagegen tun. Es kommt einige Zeit später zu einer finalen Schlacht zwischen gut und böse, mit barbarischen Waffen schlagen die Gegner im Schlachtgetümmel aufeinander ein und man hört, wie blanker Stahl Körperteile und Knochen durchtrennt. …

So oder ähnlich könnten Ausschnitte aus dem Film „Der König von Narnia“ beschrieben werden, welcher dank der verantwortungsvollen Arbeit der FSK ab 6 Jahren freigegeben wurde und in den meisten Kritiken hochgelobt wird.

Nun mag man sich fragen ob diese Freigabe denn angesichts der eingangs beschrieben Szenen wirklich sinnvoll ist. Der überwiegende Teil der Presse scheint diese Meinung zu vertreten und beschreibt den Film, mit warmen Worten in denen vor allem die fantasievolle Ausstattung und die positiven Werte des Film hervorgehoben werden. Kein Wort von zuviel Gewalt oder Szenen die auf die lieben Kinderchen eher bedrückend wirken könnten. Möglicherweise liegt es daran, dass die Romanvorlage eine Auflage von über 85 Millionen verkauften Büchern in 29 Sprachen erreicht – sie ist damit die weltweit zweitgrößte Bücherreihe nach Harry Potter, oder aber auch an dem allseits beliebten Disney-Label, das von Haus aus schon für wertvolle Kinderunterhaltung steht.

Ganz anderes sieht die Berichterstattung in anderen Bereichen der Unterhaltungsindustrie aus, dort spricht man von Verboten, Killerspielen und Gewaltverherrlichung – die Rede ist von Computer- und Videospielen. Gerade in diesem Bereich bekleckern sich die marktführenden Zeitungen und Zeitschriften, die sehr viel Wert auf die eigene objektive Berichterstattung legen, mit eher zweifelhaftem Ruhm. Dort liest man reihenweise schlecht recherchierte, mit Vorurteilen behaftete und plakativ negative Artikel, wenn es um die Darstellung von Computer- und Videospielen und den dazu gehörigen Communitys geht.

Im Folgenden sollen einige dieser Faupax‘ des deutschen Journalismus näher beleuchtet und an Beispielen dargestellt und natürlich auch richtig gestellt werden. Die Zitate die hier in einer kleinen Auswahl zusammengestellt worden und stammen aus den Zeitungen ‚Die Welt‘, ‚Welt am Sonntag‘, ‚Die Zeit‘, ‚FAZ‘, ‚Süddeutsche Zeitung‘, ‚Hamburger Allgemeine‘, ‚Rheinische Post‘, ‚Hamburger Abendblatt‘ sowie den Zeitschriften ‚Der Spiegel‘ und ‚Focus‘ und stammen aus den letzten 5 Jahren.

Die Erfahrung hat gezeigt, dass die Medien immer dann ein Thema aufgreifen, wenn es im Zusammenhang mit einem schlimmen Ereignis ins Gespräch gekommen ist oder als mögliche Erklärung für dieses herangezogen wird. So auch im Fall der jugendlichen Amokläufer Martin Peyerl (Bad Reichenhall, 01.11.1999) und Robert Steinhäusers (Erfurt, 26.04.2002).

So schrieb der Spiegel zum Amoklauf Martin Peyerls folgendes:

„Vom Vater hat er den Umgang mit Waffen gelernt. Am Computer hat er geübt, wie man zielt.“ (Spiegel 16/2002 S. 115)

Dabei bezieht sich der Spiegel auf die Computerspiele, die Peyerl regelmäßig gespielt haben soll und die nach der Tat bei ihm gefunden wurden. Die Motivation der Tat wurde folgendermaßen erklärt:

„Durch das fortgesetzte Spielen mit gewalthaltigen Computer- und Videospielen wird die Umwelt insgesamt als bedrohlich erlebt. Es kommt zum Realitätsverlust.“ (Spiegel 16/2002 S. 115)

Auch im Fall Robert Steinhäusers wird die Vorgehensweise mit dem Computerspiel das er spielte erklärt.

„Mittlerweile wurde bekannt, dass der Todesschütze von Erfurt mit einem Computer – Trainingsprogramm das Töten per Kopfschuss geübt hatte. Das erklärt nach Ansicht der Polizei auch, warum es kaum Verletzte unter den Opfern des Schülers gegeben hat, sondern sofort Tote.“ (SD 29.04.2002, S. 6)

Das ist natürlich eine Erklärung, aber sollte man an dieser Stelle nicht viel eher die realen Schießerfahrungen der beiden Amokläufer berücksichtigen, die Peyerl durch das Training mit seinem Vater, der 19 ’scharfe‘ Waffen besaß, und die Steinhäuser durch seine Zeit im Schützenverein gesammelt hat?! Aber warum, wie in diesem Fall das Nahe liegende berücksichtigen, wenn man sich doch in wilde Theorien reinsteigern kann.

Eine Spielkategorie, die es den Journalisten besonders angetan hat sind die EgoShooter, speziell das Spiel Counterstrike. Zur Einteilung der Spiele äußert sich ‚Die Zeit‘ wie folgt:

„Nette Computerspiele, in denen ein besonders schöner Zoo entsteht – und weniger nette wie Resident Evil oder Counterstrike, deren Ziel es ist, möglichst viele Menschen blutig niederzumetzeln.“ (Die Zeit, 04.05.2002)

Bei der Darstellung von EgoShootern wird immer wieder gern die Einseitigkeit des Spielziels hervorgehoben, es ist kaum oder gar nicht die Rede von den strategischen oder kommunikativen Aspekten des Spiels.

Es kommt in diesem Zusammenhang auch zu ganz offensichtlichen Falschdarstellungen wie in der Beschreibung des Spiels Counterstrike.

„Das Spiel (Anm. Couterstrike), dass es seit 1999 gibt, war einst kostenlos aus dem Internet herunterladbar und hieß früher „Half-Life“.“ (Focus 19/2002, S.28)

Dem ist natürlich nicht so, denn bei Counterstrike handelt es sich um eine Modifikation des Spiels Halflife und davon gibt es neben Counterstrike auch noch unzählige andere, die verschiedene Szenarien darstellen und unterschiedliche Spielziele haben. Diese reichen von lustigen Affen, die sich mit Bananen und anderem Obst bewerfen (Monkey Strike) bis zu Kämpfen zwischen Soldaten der Achsenmächten und der Alliierten (Day of Defeat) in der Zeit des Zweiten Weltkrieges.

Besonders viel Aufmerksamkeit wird auch gern der willkürlichen Ausschmückung der Spieldetails gewidmet. Je blutiger sich das beschreiben lässt, desto euphorischer sind die Journalisten. So schreibt der Spiegel beispielsweise:

„Eines seiner (Anm. Robert Steinhäuser) Lieblingsspiel war ‚Counterstrike‘, ein Killerspiel, bei dem zwei feindliche Terroristeneinheiten sich bekriegen. Maskierte jagen da andere Maskierte durch Wüstenlandschaften und dunkelgraue Betonwelten, nehmen Dunkelmänner ins Fadenkreuz ihrer virtuellen Maschinenpistolen und feuern weiße Blitze – bis der gesamte Bildschirm rot zuckt: Das Opfer verblutet, das Ziel ist erreicht, der Spieler gewinnt.“ (Spiegel 18/2002 S. 83)

Das Verbluten des Opfers ist ebenso wenig Spielziel, wie die Tatsache das es sich um zwei feindliche Terroristeneinheiten im Spiel handelt und der gesamte Bildschirm zuckt nicht rot wenn geschossen wird, ebenso wie nicht alle Spielfiguren maskiert sind.

Ähnlich ist die folgende Aussage zu bewerten:

„Großmütter mit Kinderwagen und Schulmädchen bringen Extrapunkte im PC-Spiel Counterstrike“ (Hamburger Allgemeine, zitiert nach Gamestar 7/2002 S.60)

Denn Zivilisten sind in Counterstrike in der Rolle der zu befreienden Geiseln zu finden und diese gilt es in jedem Fall zu beschützen und sicher an einen bestimmten Ort innerhalb des Spielareals zu bringen.

Auch die nachfolgende Aussage der Rheinischen Post ist in diese Kategorie der Falschdarstellungen einzuordnen und soll nach den Richtigstellungen der vorangegangenen Zitate gar nicht weiter kommentiert werden.

„Hat der Amokschütze von Erfurt seine Tat im Internet trainiert? Das Lieblingsprogramm von Robert Steinhäuser war das Computerspiel „Counterstrike“: Hier werden Geiseln genommen und Schulmädchen erschossen.
Das Mädchen trägt einen karierten Rock und eine weiße Bluse. Sie ist überrascht, als sich die Türe öffnet. Das letzte, was die Schülerin in ihrem Leben wahrnimmt, ist das Mündungsfeuer der Automatikwaffe, die der Eindringling auf sie richtet. Ihre Bluse färbt sich rot – Ziel eliminiert.
Der Mord findet Online statt. Tatort ist ein Computerspiel. „Counterstrike“, heißt das Programm, in dem ein Entführungsszenario nachgestellt wird. Ein Trainingsgelände für Massenmörder.“ (Rheinische Post 29.04.2002)

Interessant ist auch die Widersprüchlichkeit in den Medienmeldungen, so schreibt ‚Die Welt‘:

„Am Samstag (Anm. 27.04.2002) holten Polizisten den Computer aus dem Haus der Familie (Anm. Steinhäuser). Dort soll es allerdings keinen Internetzugang gegeben haben.“ (Die Welt 29.04.2002, S. 2)

Nun ist die Frage doch berechtigt, wie es sich die ‚FAZ‘ erklärt,

„daß Robert Steinhäuser sich im Internet bewegte und im Internet „Counterstrike“ spielte, ein Spiel, wo vorgeblich Menschen erschossen werden.“ (FAZ 30.04.2002, S. 47)

Wenn Steinhäusers Umfeld nun immer wieder betont hat, dass er zuviel zu Hause allein an seinem Computer gesessen und gespielt hat, dann ist die Frage doch berechtigt, wie er dies ohne Internetanschluss online tun konnte.

Besonders erheiternd sind jedoch Erklärungsansätze zur Spielmotivation und dem Ingamespielverhalten.

„Er (Anm. Robert Steinhäuser) soll ein begeisterter „Counterstrike“-Spieler gewesen sein, ein indiziertes Spiel, das Terrorangriffe und -bekämpfung simuliert. …Der Spieler wird durch immer bessere Waffen belohnt, und oben auf der Skala steht die Pumpgun.
Diese Waffe bedient die Fantasien von pubertierenden Jugendlichen besonders, das Nachladen imitiert die Masturbationshandlung.“ (Die Welt 29.04.2002 S. 27)

Einmal abgesehen von der Tatsache, dass ein 2002 gestellter Indizierungsantrag von der BPjM abgelehnt wurde, ist die Aussage falsch, dass die Pumpgun ganz oben auf der Waffenskala steht. Aber doch eher belustigend ist die Aussage über die simulierte Masturbationshandlung, die die Fantasien der Zielgruppe bedienen soll. Damit kommt man dann auch direkt zu einem weiteren Problempunkt in der Berichterstattung, die Einordnung der Zielgruppe, so äußert sich das ‚Hamburger Abendblatt‘ folgendermaßen:

„Alles, was sich bewegt, wird erschossen. Nur wer schneller schießt, kommt weiter. Die Opfer schlagen blutüberströmt einen Salto rückwärts. Wer sich den Weg freiballert, bekommt einen Bonus. Kinderwagen mit Großmüttern bringen Extra-Punkte. Der Blutfluss kann programmiert werden – für Anfänger normal, für Fortgeschrittene schnell und heftig. … Das erste Szenario entstammt Videospielen, wie sie heute nach statistischen Untersuchungen knapp 90 Prozent aller Heranwachsenden zwischen sieben und 15 Jahren spielen.“ (Hamburger Abendblatt, 29.4.2002)

Würden diese Angaben den Tatsachen entsprechen, wäre die Lage in der Tat bedenklich, aber die tatsächliche Zielgruppe hat ein Durchschnittsalter von ca. 20 Jahren, also durchaus auch schon außerhalb des gängigen Pubertätsalters. Diese Angaben kann man auch leicht anhand von Umfragen in der Community überprüfen und anhand der Beobachtung des durchschnittlichen LAN-Party-Publikums.

Mit der Betrachtung der Berichte über LAN-Partys soll dieser kleine Ausflug in die wunderbar objektive Welt der Medien dann auch beendet werden. Es gibt sicher viele Beiträge, die das Verhalten auf LAN-Partys aufgreifen, man denke nur an die reißerisch aufgemachten Reportagen von ‚Frontal21‘ & Co, doch ein Beitrag in der ‚Zeit‘ von Tita von Hardenberg (Polylux) soll an dieser Stelle aufgegriffen werden, da er die Frage aufwirft, wo diese Frau gewesen ist. Möglicherweise auf einer Schüler-LAN-Party, denn sie schreibt:

„Allein die Tatsache, dass die durchschnittlich 16-jährigen Besucher diese Zocker-Events als „Party“ bezeichnen, muss einem zu denken geben. Es gibt nämlich weder Musik noch Cocktails. Es wird weder geflirtet noch getanzt. Noch nicht einmal geredet wird auf LAN-Partys. Die Gäste hocken wortlos das ganze Wochenende nebeneinander an langen Tischen und knallen alles ab, was sich bewegt. Kontakt haben die Spieler praktisch nur, wenn sie sich gegenseitig auslöschen.“

Vielleicht sollte jemand Frau von Hardenberg einmal auf eine LAN-Party wie die MTA oder Northcon einladen, denn dann wird sie ihr vorurteilsbehaftetes Denken wohl korrigieren müssen, da dort wie auf vielen anderen LAN-Partys der Partyaspekt sehr groß geschrieben wird und eine Menge Kommunikation auch außerhalb der Spielphasen zustande kommt.

Damit bin ich auch beim Fazit dieses Beitrages angelangt, die Frage nach dem WARUM.

Warum berichten viele Medien derart unseriös, fehlinformiert und plakativ über diese Themen? Warum machen sich die verantwortlichen Journalisten nicht einmal die Mühe genauer hinzuschauen und selbst auszuprobieren bevor sie berichten? Und warum sind sie so parteiisch in ihrer Berichterstattung, dass kein negatives Wort über zuviel Gewalt bei Disneyfilmen oder Blockbustern wie ‚Herr der Ringe‘ (FSK 12) fällt?

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