Professor Pfeiffer und die USK – Neues und Altes

Mindestlohnforderungen, Streikankündigungen und eine Koalition bei der es nicht wirklich rosig läuft, man sollte meinen unsere Politiker wären wirklich ausgelastet und hätten genug zu tun. Aber dank phänomenalem Zeitmanagement schaffen sie es trotz drängender Probleme, die Deutschland bewegen, immer wieder Zeit zu finden und sich mit uns Gamern und unserer Freizeitbeschäftigung, dem Spielen auseinanderzusetzen.

Eigentlich ist das Thema mittlerweile fast schon so überstrapaziert, dass man gar nichts mehr dazu schreiben möchte, geschweige denn lesen, aber irgendwie kann man es auch nicht lassen, vor allem nicht nach den Aufregungen der letzten Wochen. Immer wieder melden sich Experten zu Wort, die offensichtlich keine sind, von den Profilierungssüchtigen ganz zu schweigen.

 

Aber immerhin haben wir ja jetzt ein offizielles Untersuchungsergebnis des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen e.V., indem uns Professor Pfeiffer darüber informiert, dass von 72 getesteten Spielen, die „von speziell geschulten Spieletestern des KFN vollständig gespielt und auf der Grundlage eines neu entwickelten Begutachtungsschemas genau beschrieben und bewertet.“ wurden, 40 Prozent von der USK zu niedrig eingestuft wurden und 20 Prozent der Einstufungen nur bedingt vertretbar sind (Der Spiegel 19/2007). Zwar weiß bisher keiner, welche Spiele getestet wurden und auf welchen psychologischen und soziologischen Kriterien das „neu entwickelten Begutachtungsschema“ tatsächlich aufsetzt, aber nun gut, immerhin können wir auf die nächste Woche gespannt sein, denn dann soll laut Spiegel die Studie vorgestellt werden und uns differenzierteren Aufschluss geben.

Professor Pfeiffer beobachtet die Mediennutzung der deutschen Jugendlichen nun schon über eine geraume Zeit und hat mit seiner Studie von 2005 über den Medienkonsum und die Auswirkung dessen auf die schulischen Leistungen der Spielenden einige interessante Statistiken veröffentlicht, die sich von ihm interpretiert, viel negativer lesen als sie eigentlich sind. So untersuchte er unter anderem die Auswirkungen von Spielen, die ab 16 bzw. ab 18 Jahren freigegeben sind, auf Viertklässler und ihre schulischen Noten in den Bereichen Deutsch, Sachkunde und Mathematik. Dabei unterscheidet er zwischen Jungen an sich und „einheimischen deutschen Jungen aus Familien mit mittlerer und höherer Bildung, gutem Familienklima und gewaltfreier Erziehung“. Bei der zweiteren Gruppe ergibt sich ein interessantes Bild, wenn man die Schulnoten in den oben genannten Fächern betrachtet und die Leistungen der Jungen im Vergleich zum Rest der Klasse sieht. Denn bis auf das Fach Deutsch ergibt sich da ein Notenbild, das bei allen vier Abstufungen der Spielhäufigkeit von Spielen die für über 16jährige geeignet sind, über dem Durchschnitt der Klasse liegt. (siehe Abbildung).

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Mal abgesehen davon, dass es in niemandes Interesse liegt, dass zehnjährige Spiele für über 16jährige spielen und es schon seltsam ist, dass es den so gebildeten Eltern bei dem angegebenen guten Familienklima offensichtlich so egal ist, dass ihre Kinder Spiele spielen, die laut USK-Einstufung nicht für sie geeignet sind, muss man sich doch wundern, dass es bei der anhaltenden Verteufelung dieser Spiele zu diesem Ergebnis kommt. Einen Erklärungsansatz bietet dabei eine Studie der Ruhr-Uni Bochum, bei der die Psychologen Dr. Clemens Trudewind und Dr. Rita Steckel die Entdeckung machten, dass Kinder, die in gebundenen Verhältnissen leben, also innerhalb festgefügter Familienbanden, wesentlich weniger anfällig für kurzfristige negative Wirkungen von Computerspielen sind, die für sie laut USK noch nicht geeignet sind. Die Untersuchung wurde damals mit 8- bis 14-Jährigen durchgeführt, die das von der USK ab 16 Jahren freigegebene Spiel Virtua Fighter spielten.

In Pfeiffers neuester Studie geht es nun ja um die Einstufungen der USK und ob diese sinnvoll sind, dabei ist er zu dem weiter oben schon angesprochenen Ergebnis gekommen, dass 60 Prozent der Spiele, die ab 12 Jahren eingestuft sind, nicht für diese Altersstufe passend seien, ebenso seien 43,2 Prozent der Spiele die für 16jährige eingestuft sind, nicht angemessen und mit 23 Prozent der Spiele, die keine Jugendfreigabe haben, verhält es sich ebenso.

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Nun hat Herr Pfeiffer 72 Spiele getestet, bei einem Durchschnitt von 100 – 150 Spielen, die monatlich neu erscheinen, ist das eine vergleichbar geringe Menge an Testungen. Da es bisher keinerlei Hinweise auf die Spiele gibt die getestet wurden, kann man nur vermuten, dass die Spiele relativ willkürlich ausgewählt wurden, einen kleinen Hinweis darauf gibt jedoch die Aussage, dass viele der Spiele 20 Stunden oder mehr Spielzeit beinhalten, was doch eher auf Actionspiele bzw. Shooter zutriff, denn Strategie- und Rollenspiele haben häufig eine Spielzeit von mehr als 50 Stunden. Es bleibt abzuwarten, ob die vorläufig bekannt gewordenen Ergebnisse der Studie noch erweitert werden, so dass man sich als interessierter Beobachter ein genaueres Bild der ausgewählten Spiele machen kann.

Ein weiterer Vorwurf Pfeiffers in Richtung USK wurde hinsichtlich ihrer angeblich mangelnden Distanz zur Computerspielindustrie, der vermutlichen Abstumpfung der Tester und deren geringen Einblick in die Spiele, aufgrund der zu testenden Menge, ausgesprochen. USK-Gutachter und Diplompädagoge Gerald Jörns weist diese Vorwürfe vehement zurück, denn er bescheinigt den Testern der USK, zu denen er selbst seit Jahren gehört, ein gutes Urteilsvermögen, das den „allgemein gültigen Prüfungsgrundsätzen, die von den Obersten Landesjugendbehörden abgesegnet worden sind“ entspricht.

Für die Innenminister von CDU und CSU ist die Studie wieder einmal ein gefundenes Fressen, denn sie unterstützt ihren Ruf nach Verboten und Zensur nur zu gut. Innere Sicherheit, Integration und Datenschutz … das sind eigentlich die Themen mit denen sich unsere verehrten Innenminister beschäftigen sollten, aber es scheint sie ja nicht wirklich auszulasten, so dass sie immer wieder Vorstöße in Richtung Jugendschutz wagen und sich auch vom Einreichen von Gesetzesentwürfen abhalten lassen, auch wenn diese von der Länderkammer vorerst auf Eis gelegt wurden.

Glücklicherweise gibt es aber auch andere Töne, wie zum Beispiel die des Vorsitzenden der Landesarbeitsgemeinschaft Multimedia Brandenburg, Andreas Klisch, der statt Verboten fordert, dass die Politiker selbst zu Maus und Tastatur greifen sollten, um verstehen zu können „wie die Jugendlichen ticken“ und nicht wie bisher zu versuchen, sich durch populistische Forderungen profilieren zu wollen. „Pauschalisierte Verteufelungen“ helfen niemandem, „um die Jugend auf die Gefahren von Computerspielen aufmerksam zu machen, brauchen wir vielmehr eine bessere Ausstattung von Jugendclubs mit moderner Technik sowie ausreichend Personal, um den Jugendlichen an Computern, Handys oder Spielkonsolen Alternativen zu präsentieren“ (tomorrow.de) . Dieses Personal müsse auch adäquat geschult werden, denn nur so kann man eventuellen Problemen, die durch manche Spiele auftreten, entgegnen.

Bis dahin ist es noch ein weiter Weg, doch eines sollte mittlerweile auch Professor Pfeiffer klar werden, wenn er seine eigenen Studien mal aufmerksam lesen sollte, er selbst erbringt den Beweis, dass nicht die schärferen Einstufungen die Lösung für die seiner Meinung nach negativen Auswirkungen sind, sondern, dass bei den Eltern und Pädagogen angesetzt werden muss, denn sie sind es, die die minderjährigen Gamer positiv beeinflussen können, so dass es nicht dazu kommt, dass zehnjährige Grundschüler GTA, Counterstrike und Co. spielen, denn das lieber Herr Professor ist auch nicht im Sinne des hartgesottensten, erwachsenen Gamer. In diesem Zusammenhang möchte ich allen an diesem Thema interessierten auch die neue Ausgabe des Spiegels (20/2007) empfehlen, die sich mit dem Thema „Wieviel Computer und Fernsehen verträgt ein Kind“ auseinandersetzt.

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