Amok – Geschichte

5.  Amok und seine Geschichte

Um sich mit Amokläufern und ihren Motiven auseinander setzen zu könne, ist es notwendig sich erst einmal mit dem Phänomen des Amoklaufes an sich auseinander zu setzen.

Das Wort ‚Amok’ kommt aus dem malaiischen und bedeutete ursprünglich ‚im Kampf sein letztes geben’ bzw. nach anderen Übersetzungen auch ‚wütend’ oder ‚rasend’, während der erweiterte Ausdruck ‚mengamuk’ für spontane, gewaltsame Angriffe gegen Unbeteiligte steht. Gemäß anderen Schriften, heißt es, dass der Begriff von dem portugiesischen Begriff ‚Amuco’ stamme und eine in den Hindu-Staaten gebräuchliche Bezeichnung für Krieger sei, die ihre Feinde mit Todesverachtung angreifen, ähnlich den römischen Gladiatoren, die den Kaiser und das Publikum mit den Worten ‚Morituri te salutant’ (die Todgeweihten grüßen dich). Malaysische und javanische Krieger übernahmen diese hinterindischen Begriff und auch das damit verbundene Kriegsgeschrei um den Gegner einzuschüchtern. Die dortigen Könige banden ihre ‚Amok’-Krieger durch materielle Zuwendungen und statusverleihende Rituale an sich, denn sie waren unverzichtbar, da man mit ihrer Hilfe zahlenmäßig überlegene Armeen angreifen konnte und sie dabei große Blutbäder anrichteten.   Es stand im malaiischen Raum jedoch auch für eine Handlungsweise, die nach einer außerordentlichen Kränkung, einem nicht zu verkraftenden Gesichtsverlust oder einem schweren Trauma, einen Ausweg für den Erleidenden bot. Der potentielle Amokläufer zog sich sozial zurück und durchlebte eine Phase des ‚Brütens’, um dann mit ‚verdunkeltem Blick’ und den Rufen ‚Amok, Amok’ auf die Strasse zu stürmen und jeden der ihm in den Weg kam mit seinem Dolch anzugreifen. Die Malaien waren auf solche Ausbrüche vorbereitet, indem die Behörden auf den Strassen Lanzen aufstellten, mit deren Hilfe die Passanten versuchten den Amokläufer aufzuhalten.[1] Meistens wurde dem Amokläufer danach sogar Respekt gezollt, weil er seine persönliche Misslage mit kriegerischem Mut gelöst hat.

Eine andere Form des Amoklaufes trat bei den skandinavischen Berserkern auf, man spricht in den altnordischen Sagen von individuellen ‚Berserkrgangr’, also ekstatischen Anfällen von Berserkerwut, in denen der Betreffende ‚wahllos mörderisch raste’.[2]

Eine weitere Abwandlung des Amoklaufes findet man im malaiisch-indonesischen Kulturkreis, nach der Einführung des Islam, im 14. Jahrhundert, das Amoklaufen gegen Ungläubige wurde zum Akt religiösen Fanatismus. Der Tod des Attentäters wurde dann auch als Allah wohlgefällig betrachtet, wohingegen Selbstmord im Koran ja verboten ist.

Ein portugiesischer Reisender berichtete 1516 über eine Sitte auf Java: „Wenn sie schwer krank werden, geloben manche von ihnen Gott für den Fall, dass sie gesunden, einen ehrenhaften Tod als den durch Krankheit. Sobald sie wohlauf sind, nehmen sie einen Dolch, gehen auf die Strasse und töten, wen sie treffen, Männer, Frauen und Kinder. Sie wüten wie verrückte Hunde, töten, bis sie getötet werden.“[3] Die Einheimischen waren solche Ausbrüche gewohnt und wappneten sich durch oben genannte Vorkehrungen. Erst die holländischen Eroberer unternahmen wirklich etwas gegen die Amokläufer, sie marterten selbige nach ihrer Gefangennahme zu Tode und nahmen ihnen damit den Nimbus der heiligen Gewalt.[4] Doch auch dann hörten die amok-artigen Verhaltensweisen nicht ganz auf. Manchen zahlungsunfähigen Schuldnern erschien ein Amoklauf die einzige Lösung, sich ehrenvoll aus dem Leben zu ziehen, wenn seine Zwangsversklavung unmittelbar bevor stand.

Im westliche Sprachgebrauch hat das Wort ‚Amok’ ein viel erweiterte Bedeutung als das ursprüngliche malaiische je bedeutet hatte. Es wird im Hinblick auf Kampfsportler, Tiere (Stiere oder Hunde) und auch bei der Beschreibung von Naturgewalten benutzt.

In jeden Fall jedoch ist Amok bedeutungsgleich mit blindwütigem, aggressivem Verhalten.

5.1 Wissenschaftliche Theorien zum Amoklauf

Bei den Definitionsansätzen im wissenschaftlichen Bereich steht das zerstörerische Verhalten des Amokläufers stets im Vordergrund. Die WHO (Weltgesundheitsorganisation) definiert Amok folgendermaßen: „Eine willkürliche, anscheinend nicht provozierte Episode mörderischen oder erheblich (fremd-)zerstörerischen Verhaltens. Dabei muss diese Gewalttat mehrere Menschen gefährden, d.h. verletzen oder gar töten, wenn von Amok die Rede sein soll.“[5] In den Medien stehen eine schnelle zeitliche Abfolge von Tötungstaten und eine auf den ersten Blick nicht erkennbare Begründung für die Tat als häufiges Kriterium für einen Amoklauf. Der Unterschied zu einem Massenmord besteht hier in der kurzen Zeitabfolge, denn Massenmörder handeln oft über Monate und Jahre hinweg.

5.1.1 Historische Interpretationsansätze von Amoktaten

Wie so viele Phänomene im seelischen und psychosozialen Bereich ist auch der Amok einem Wandel unterworfen, der abhängig ist von Erscheinungsbild, Motiven, Ursachen und speziellen Aspekten. Einige Ansätze aus der psychologischen Forschung zu diesem Thema sind heute bereits überholt, aufgrund neuerer wissenschaftlicher Erkenntnisse. Trotz allem sollen im Folgenden auch die historischen Forschungsansätze zum Amoklauf kurz geschildert werden.

In früherer Zeit verstand man aus phänomenologischer Sicht den Amoklauf als eine Art Dämmerzustand, die unmotivierte, plötzliche und ungerichtete Gewalt gegen ahnungslose Betroffene nach sich zog. Darauf folgte bei den überlebenden Amokläufern eine Art Amnesie, d.h. sie konnten sich nicht mehr an ihre Taten und deren Motive erinnern. Bis auf die Involviertheit der ahnungslosen Betroffenen ist dieser Ansatz heute nicht mehr belegbar. Des Weiteren unterteilte man den Amoklauf in verschiedene Stadien. Diese waren:

1. In einem frühen Stadium, depressives ‚Brüten’ über eine zugefügte oder imaginäre Ungerechtigkeit (Fachbegriff: Prodromal-Stadium). Zu dieser Zeit finden sich beim potentiellen Amokläufer gehäuft Milieu-Schwierigkeiten, chronische Erkrankungen, Kränkungen, Beleidigungen, der Verlust der sozialen Ordnung oder Demütigungen. Meist sind  Betroffenen von Natur aus sensibel oder labil, und sind oft von dysphorischer und/oder neurasthenischer Konstitution.
2. Ein explosiver homozidaler Ausbruch, der oft durch einen belanglosen Vorfall ausgelöst wird, dieser führt dann zur Dekompensation eines schon länger andauernden und bis dahin nur knapp kompensierten Spannungszustandes.
3. Eine andauernde homozidale Handlung ohne ersichtliches Motiv, dabei verfällt er in eine Art ‚Bewegungssturm’, d.h. dass er in kurzer Zeit soviel Verheerung wie möglich anzurichten versucht. Oft führt diese Phase gegen Ende zu einer Selbstverstümmelung oder gar Selbsttötung.
4. Im Anschluss an die Tat und in dem Falle, dass keine Selbsttötung stattgefunden hat, verfällt der Amokläufer oft in einen schlafähnlichen fast stuporösen Zustand, der auch als depressives Nachstadium erklärt wurde. Danach trat oft die Behauptung einer Amnesie für die Zeit der Tat auf. [6] Experten sehen dies heute etwas differenzierter, da sich aber die meisten Amokläufer der letzten Jahrzehnte selbst umbrachten, ist dieser Bereich nicht sonderlich gut erforscht.

5.2 Statistische Werte zu Amokläufern

Lothar Adler hat einige statistische Daten zusammengefasst, so dass man einen Überblick über die statistischen Fakten bezüglich der Amokläufer erhält. Er hat dafür 196 Amokläufe näher untersucht und kam zu dem Ergebnis, dass 95 Prozent der Täter männlich waren und nur 5 Prozent weiblich. Das bekannte Lebensalter betrug durchschnittlich 35 Jahre, der Familienstand war variabel, so dass von daher keine Rückschlüsse ziehen lassen. Bei den beruflichen Qualifikationen ist folgende Differenzierung zu beobachten, 5 Prozent hatten keine Berufsausbildung, 11 Prozent waren arbeitslos, 14 Prozent gingen noch zur Schule,  4 Prozent übten einen handwerklichen Beruf aus, 19 Prozent der Amokläufer waren Angestellte, 14 Prozent Akademiker oder selbstständig, 7 Prozent Polizisten und 26 Prozent Soldaten. Auch über das Stadt-Land-Gefälle konnten Aussagen getroffen werden, ca. Dreiviertel der Amokläufe wurden in Städten verübt und nur ca. ein Viertel in ländlichen Gegenden. Die meisten Amokläufer wurden als sozial isoliert bzw. als Einzelgänger beschrieben. Auch über die Motive konnten statistische Aussagen getroffen werden, bei 10 Prozent der Amokläufe waren politische Motive der Hintergrund, 22 Prozent hatten familiäre oder persönliche Probleme als Auslöser, doch die höchste Zahl der Amokläufe geschahen aus Rache (61 Prozent). In 7 Prozent der Fälle ließen sich seelische Erkrankungen feststellen, die jedoch nicht als Motiv sondern als Ursache des Amoklaufes gelten. Die Selbsttötungsrate liegt bei 27 Prozent, während 16 Prozent durch Einwirkung von außen zu Tode kamen. Ca. zwei Drittel der Amokläufer handelten mit vorher vorbereiteten Waffen, während ein Drittel mit einer zufällig greifbaren Waffe agierte.[7]

5.3 Bisherige Gefährdungsanalysen

Um Amokläufe verhindern zu können, ist es notwendig sich über die Auslöser und Motive des Amoklaufes klar zu werden. Dabei gibt es einige Aspekte, die im Laufe der Zeit offensichtlich geworden sind. Der potentielle Täter verfügt nur begrenzt über die Fähigkeit, seine Emotionen zu differenzieren und ist vor der Tat oft isoliert oder in eine neuartige Situation versetzt. Durch die mangelnde Fähigkeit zu differenzieren, erschient ihm die Situation und seine Umwelt feindselig, darüber hinaus vermag er niemanden in seiner Umgebung als Vertrauensperson wahrnehmen, die ihm helfen könnte die isolierte Stellung zu verlassen. Er fühlt sich selbst existentiell bedroht und ist unfähig die Situation auf herkömmliche Weise zu bewältigen. Im Zuge dieser Entwicklung scheint ihm das eigene Leben, sowie das seiner Mitmenschen nicht mehr viel wert zu sein, was die Hemmschwelle sich und andere zu töten herabsetzt. Ein wichtiger Aspekt ist aber auch der Zugang zu Waffen und die Fähigkeit mit ihnen umzugehen. Man unterscheidet bei den Amokläufern vier verschiedene Personentypen:

1. Sanft und gutmütig geltende Menschen, die jedoch Schwierigkeiten haben ihre Aggressionen und Ansprüche wirksam zum Ausdruck zu bringen. Bei ihnen ist der Gewalt-Durchbruch sehr unerwartet.
2. Geltungsbedürftige Personen, die sich gern zur Schau stellen und mit Ablehnung oder Ignoranz   schwer umgehen können.
3. Personen, die schnell erregbar sind und ihre eigenen überbordenden Gefühle nicht kontrollieren können.
4. Männer die es gewohnt sind in Kriegshandlungen in einen amokartigen Zustand zu treten, dieser kann dann auch in friedlichen Zeiten unbeabsichtigt durchbrechen. Interessant dabei ist, dass dieses Phänomen vorwiegend bei jüngeren Männern mit wenig Kriegserfahrung auftrat, die nicht in der Lage waren ihre Aggressionen gezielt und in Maßen einzusetzen.

Verblüffend ist, dass sich speziell bei den Tätern, die sich am Ende des Amoklaufes selbst töteten, oft um Personen handelte, die dem in Hollywood-Filmen entworfenen Stereotyp stark ähneln, ‚der ledige, kontaktarme, sexuell abstinente oder sexuell perverse Waffennarr, der zum Teil noch bei seiner Mutter lebt’.[8]

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[1] Vgl. Götz Eisenberg: Gewalt die aus der Kälte kommt. Gießen 2002, S. 17f
[2] Vgl. http://www.psychosoziale-gesundheit.net/psychiatrie/amok.html (Stand 26.12.2004)
[3] Zit. nach Wolfgang Sofsky: Zeiten des Schreckens. Amok, Terror, Krieg. Frankfurt am Main 2002, S. 42
[4] Vgl. Wolfgang Sofsky: Zeiten des Schreckens. Amok, Terror, Krieg. Frankfurt am Main 2002, S. 42
[5] http://www.psychosoziale-gesundheit.net/psychiatrie/amok.html (Stand 26.12.2004)
[6] http://www.psychosoziale-gesundheit.net/psychiatrie/amok.html  (Stand 26.12.2004)
[7] Vgl. Lothar Adler: Amok-Eine Studie. München 2000, http://www.psychosoziale-gesundheit.net/psychiatrie/amok.html
[8] Vgl. http://www.psychosoziale-gesundheit.net/psychiatrie/amok.html  (Stand 26.12.2004)

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