Amok an Schulen

6. Amokläufe an Schulen und ihre Hintergründe

Im folgenden Teil der Arbeit soll sich näher mit Amokläufen an Schulen und deren Hintergründen auseinander gesetzt werden. Dabei spielt ihre Darstellung und Interpretation in den Medien eine wichtige Rolle. Seit einiger Zeit treten Amokläufe an Schulen, verübt von Schülern als gehäuftes Phänomen auf. Dabei handelt es sich um ein globales Problem. Den Anfang machte ein vierzehnjähriger Schüler in West Paducah (Kentucky), der nach dem Morgengebet drei Mitschüler erschoss und fünf weitere verletzte. 1998 eröffneten ein elf- und ein dreizehnjähriger Schüler in ihrer Schule in Jonesboro (Arkansas) das Feuer und erschossen vier Mädchen und eine Lehrerin. Im gleichen Jahr erschoss ein siebzehnjähriger in Springfield (Oregon) zwei Mitschüler und verletzte zwanzig andere. Am 20. April 1999 brachten der siebzehnjährige Dylan Klebold und der achtzehnjährige Eric Harris zwölf ihrer Mitschüler und einen Lehrer an der Columbine Highschool in Littleton (Colorado) um, bevor sie sich selbst töteten. Nur eine Woche nach dem Massaker an der Columbine Highschool schoss in der kanadischen Kleinstadt Taber ein Vierzehnjähriger um sich und tötet sich und einen anderen Mitschüler. Am 1. November desselben Jahres richtet der sechzehnjährige Martin Peyerl in Bad Reichenhall in Bayern ein Blutbad unter Passanten an. Acht Tage später tötet der fünfzehnjährige Andreas S. seine Geschichtslehrerin mit 22 Messerstichen. Am 16. März 2000 erschießt ein sechzehnjähriger im bayrischen Brannenburg seinen Internatsleiter, nachdem er am Vortag wegen ‚ungebührlichem Verhalten’ von der Schule verwiesen wurde, danach verübt er einen Selbstmordversuch. Im Februar 2001 tötet ein zweiundzwanzigjähriger mit einem Revolver seinen Chef und danach den Direktor seiner früheren Schule, danach sprengte er sich selbst mit einer Rohrbombe in die Luft. Am 26. April 2002 tötet der neunzehnjährige Robert Steinhäuser 16 Menschen in seiner ehemaligen Schule und schießt sich anschließend selbst in den Kopf. Am 28. September 2004 erschießt ein Fünfzehnjähriger in Buenos Aires (Argentinien) zwei Mädchen und einen Jungen in seiner Schule, fünf weitere Schüler wurden verletzt. Weitere Schulmassaker wurden in den letzten Jahren aus Schottland, Japan und afrikanischen Ländern gemeldet.

Nach dieser erschreckenden Bilanz stellen sich natürlich einige Fragen. Wie kommt es, dass Amokläufe in Schulen in den letzten Jahren so gehäuft auftreten? Was trieb die Täter zu ihren Handlungen? Und nicht zuletzt: Wie kann man solche Taten verhindern?

Im Folgenden sollen drei der Amokläufe und ihre Hintergründe näher betrachtet werden, und zwar der Vorfall aus Littleton, Bad Reichenhall und Erfurt.

6.1 Littleton (Colorado) – Columbine Highschool – 20. April 1999

Die Columbine Highschool in Littleon schien bis zum 20. April 1999 eine gute Schule zu sein. Es gibt dort Förderklassen für Hochbegabte, Sprachunterricht in Deutsch, Spanisch und Französisch, Angebote in den schönen Künsten, wie Bildhauerei, Theater und Chor, es gab fünf Bands an der Schule und ein Ensemble. Außerdem gab es Fächer übergreifende Förderangebote für schwächere Schüler und jede Menge sportliche Angebote. Die Schule scheint auf den ersten Blick sehr fortschrittlich und gut ausgestattet zu sein. Auch die angrenzenden Wohnviertel sind eher als wohlhabend zu bezeichnen, es gibt Einkaufszentren und eine Menge Freizeitangebote.[1] Dennoch betraten Eric Harris und Dylan Klebold am 20. April 1999 die Schule mit dem Vorsatz viele unschuldige Menschen zu töten. Wie kam es dazu?

6.1.2 Die Täter und die Vorbereitung der Tat

Klebold und Harris lebten mit ihren Eltern in einer typisch amerikanischen Vorstadtsiedlung namens Columbine Knolls. Die Häuser der Familien der beiden hatten mehrere hundert Quadratmeter Wohnfläche, ein eigenes Bad für jedes Familienmitglied und einen großzügigen Garten. Nur in kleinen Details unterscheidet sich hier ein Haus vom anderen, für Individualität bleibt hier wenig Platz, ähnlich dem Leben der Jugendlichen in diesen Vorstadtsiedlungen. Sie treffen sich in Fast-Food-Lokalen, schick ausgebauten Einkaufszentren, in Videospielzentren oder, und das tun die meisten, auf einem der vielen Sportplätze. Als Sportler oder Cheerleader hat ein Jugendlicher die Möglichkeit zu zeigen was in ihm steckt, denn Sportler und Cheerleader stehen auf den Beliebtheitsskalen in den Schulen ganz weit oben. Bei ihnen wird Rücksicht genommen, wenn sie keine Hausaufgaben haben, schlechtere Arbeiten schreiben oder sich negativ gegenüber anderen Schülern verhalten. Sie bekommen auch trotz schlechterer Noten oft Plätze an den Eliteuniversitäten. Ihre Ideale beziehen sie aus dem Fernsehen, der Werbung und aus Filmen, sie bestehen aus Markenklamotten, Make-Up und Muskeln. Wer versucht von diesem vorgegebenen Weg abzuweichen hat es schwer an einer amerikanischen Vorort-Highschool, auch in Littleton. Es kommt in dieser heilen Welt schon mal vor, dass Eltern ihre Kinder mit dem Verdacht auf Neurose zum Psychologen schicken, weil es sich die Haare blau färbt oder mit Marihuana experimentiert hat. Daher bedarf es schon einiger Anstrengung um sich von den Durchschnittsjugendlichen abzuheben, sei es durch Kleidung, Musikgeschmack oder Art der Freizeitgestaltung. Harris und Klebold wollten sich jedoch von den anderen abheben, da ihnen die Art und Weise der Sportler und Cheerleader nicht gefiel, da ihnen die Vorstadtidylle zu glatt und oberflächlich war. Sie kleideten sich anders als die anderen, meist schwarz, und gehörten einer Gruppierung mit schlechtem Ruf an, der ‚Trenchcoat Mafia’. Ihr Musikgeschmack war härter als der der anderen, sie bevorzugten Musik wie die von Paradise Lost, Altrocity, KMFDM und Rammstein. Doch schauen sie auch die gleichen Actionfilme und spielen die gleichen Computerspiele wie viele andere Jugendliche auch. Ab und zu redeten sie deutsch, nur um sich von ihren Mitschülern abzuheben. Außerdem favorisieren sie nationalsozialistisches Gedankengut und hatten eine intolerante Einstellung gegenüber Randgruppen und Ausländern, was sich später auch bei der Wahl ihrer Opfer und dem Tag ihres Amoklaufes zeigt. Wahrscheinlich aus dem Grund, da sie in den spärlich vertretenen Schwarzen und Hispaniern, in der Schule, eine Gruppe sahen, die noch weiter unten standen als sie selbst in der Schulhierarchie. Des Weiteren waren beide Waffennarren und hatten gemeinsam auch einen Dokumentarfilm über verschiedene Waffen gedreht. Außerdem schrieben sie düstere, blutrünstige Gedichte und unterhielten eine Internetseite, die voll war mit einer Mischung aus nationalsozialistischen und okkulten Symbolen, Drohungen gegenüber Leuten, die sie gern töten würden und Waffendarstellungen aller Art. Doch waren ihre schulischen Leistungen durchweg gut und sie interessierten sich für Computer und besuchten Philosophiekurse. In der Schule wurden sie aufgrund ihres Auftretens und ihrer ‚merkwürdigen’ Art gehänselt, ausgelacht oder einfach ignoriert. Einige Schüler betitelten die beiden als schwul, hänselten sie wegen ihrer mangelnden sportlichen Fähigkeiten und attackierten sie sowohl verbal als auch körperlich auf den Schulfluren. Beide waren Außenseiter in der Schule, bei Harris kam es daher, dass sein Vater Soldat war und die Familie oft umziehen musste. In einem der selbst gedrehten Videos sagt er dazu, dass er es hasse, jedes Mal wieder auf der untersten Stufe anfangen zu müssen, außerdem wäre er oft ausgelacht worden, wegen seiner Kleidung, seiner Haare und seines Gesichtes, doch ihre Eltern schienen von all dem nichts mitzubekommen. Dylans Bruder Byron war all das, was Dylan selbst nicht war, er war erfolgreich im Footballteam, hatte hübsche Freundinnen und man hatte Verständnis für seine nicht so gut gelungenen Klausuren. Dieses Verständnis wurde im Haus Klebold für Dylan nicht aufgebracht.

Harris und Klebold hatte die Tat bereits ein Jahr vorher geplant und das weitaus größer als es am 20. April 1999, dem 110. Geburtstag Adolf Hitlers, tatsächlich der Fall war. Ihre Pläne haben sie in fünf selbst gedrehten Videos angekündigt. Ihr eigentliches Ziel war es, 250 Menschen zu töten, das dies nicht gelang, mag nur daran gelegen haben, dass die von ihnen hergestellten Bomben versagten. Angeblich hatten sie sogar geplant nach der Tat ein Flugzeug zu entführen und es über New York abstürzen zu lassen.[2] Wichtig war ihnen auch als die allein Verantwortlichen für ihre Tat zu gelten, sie wollten keine Trittbrettfahrer anderer Amokläufe sein. Sie machten sich auch Gedanken über die Reaktionen ihrer Eltern nach der Tat, ob sie dann ihr Desinteresse an ihren Söhnen bereuen würden und sich vielleicht Vorwürfe machen würden, nicht eher reagiert zu haben. Diese Informationen findet man in den selbst gedrehten Videos der beiden. Das letzte Video drehten sie am Morgen des 20. April 1999. Ihre letzten Sätze: “Es ist eine halbe Stunde vor dem Tag des jüngsten Gerichts”, sagt Dylan. Dann zu seinen Eltern: “Ich hab das Leben nicht sehr gemocht. Ihr sollt nur wissen, dass ich zu einem besseren Platz gehe.” Dylan nimmt Eric die Kamera ab. Eric: “Ich weiß, dass meine Mutter und mein Vater geschockt sein werden. Ich kann es nicht ändern.” Dylan aus dem off: “Es ist das, was wir tun mussten.” Darauf Eric: “ Das war’s. Sorry. Goodbye.”[3]

6.1.2 Die Tat

Gegen 11 Uhr am 20. April 1999 treffen Harris und Klebold an der Schule ein. Bevor sie ihre Ledertrenchcoat anziehen und sich mit Waffen und Munition ausrüsten, hatten sie schon zwei Seesäcke mit selbst gebauten Propangasbomben in die Cafeteria der Schule gebracht und einen Satz Bomben in einigen Meilen Entfernung postiert, diese sollten die Polizei von ihrer eigentlichen Tat ablenken. Geplant war es, dass zuerst die Bomben in der Cafeteria hochgehen sollten um die Schüler nach draußen zu treiben, dort wollten Harris und Klebold sie mit ihren Waffen erwarten und so viele wie möglich erschießen. Ein weiterer Bombensatz befand sich im Wagen der beiden, dieser sollten gezündet werden, wenn die Polizei und ihre Einsatzkräfte vor Ort waren. Doch keine der selbst gebauten Bomben ging tatsächlich hoch. Also mussten sie ihren Plan in letzter Minute ändern, sie stürmten also in die Schule und schießen dabei wahllos umher, zwei Schüler werden getötet. Danach kommt es zu einem kurzen Feiergefecht mit dem Hilfssherrif, Neil Gander, doch weder die Täter noch der Hilfssherrif werden dabei getroffen. Um 11:19 Uhr betreten die beiden das Schulgebäude, bewaffnet mit zwei abgesägten Schrotflinten, einer halbautomatischen Pistole (TEC DC9) und einem Neun-Millimeter Gewehr.[4] Während sie weiter um sich schießen gehen die beiden zur Schulbibliothek, durch ein Fenster werden sie von der Lehrerin Patti Nielson gesehen, die daraufhin die Polizei anruft. Bei der Ankunft der Täter lässt sie jedoch den Telefonhörer fallen, so dass die Einsatzleitung das Geschehen mit anhören kann. In der Bibliothek erschießen sie zuerst den schwarzen Mitschüler, Isaiha Shoels, den sie vorher als ‚Nigger’ betiteln mit einem Kopfschuss. Die tat scheint ihnen Spaß zu machen, denn sie äußern sich folgendermaßen: “So sieht also das Gehirn eines Niggers aus”[5] Danach erschießen sie Matt Kechter, er ist sechzehn Jahre alt und ein erfolgreicher Sportler der Schule, genau aus diesem Grund erschießen sie ihn auch. Darauf folgt Carey DePooter (17)und dann Cassie Bernall, die durch ihre bejahende Antwort auf die Frage, ob sie an Gott glaube zur regionalen Märtyrerin wird. Einer der beiden Täter erschießt sie angeblich mit den Worten: „Es gibt keinen Gott.“ Dieser Teil ist jedoch nicht wirklich erwiesen, da die mithörende Einsatzleitung dieses Gespräch nie bestätigt hat, es wurde von anderen Mitschülern später so erzählt. Von der Bibliothek aus gehen sie in die Cafeteria, wo sie noch weitere Schüler erschießen. Zwischendurch feuern sie immer wieder auf die heran rückenden Einsatzkräfte der Polizei. Ca. 12:00 Uhr erkennen beide, dass der ‚Doomsday’, wie sie ihn am Tag vorher genannt hatten, vorbei ist. Klebold stellt ein Molotowcocktail auf einen Tisch und zündet es an. Daraufhin schießt sich Harris selbst in den Kopf und wenige Sekunden später folgt ihm Klebold auf die gleiche Weise in den Tod. Die Sprinkleranlage löscht den Molotowcocktail, so dass auch die letzte selbst gebaute Bombe nicht hochgeht.

Die Einsatzkräfte sicherten nur langsam das Gebäude, aus Angst die Täter könnten dort noch unterwegs sein, diese nicht sehr opferfreundliche Taktik kostete dem Lehrer Dave Sanders das Leben, da er zwischen 60 Schülern, die er zuvor gerettet hatte, verblutete. Des Weiteren waren die Leitungen der Notrufzentrale hoffnungslos überlastet, so dass einige Leitungen getrennt wurden, darunter auch die von Schülern der Columbine Highschool, die der Polizei wichtige Informationen über die Täter geben wollten.

Insgesamt hatten Harris und Klebold 12 Schüler und einen Lehrer erschossen, 23 weitere Personen wurden zum Teil schwer verletzt.

6.1.3 Die Ursachen

Die Schuldzuweisungen kamen in den nächsten Wochen aus allen Richtungen. Die Christlichen Konservativen gaben Hollywood, dem Internet und der Rockmusik die Schuld, die Liberalen bemängelten den freien Verkauf von Schusswaffen und der damalige US-Präsident Clinton mahnte, in der vierten Wochen des Bombardements im Kosovo, man müsse die Kinder dahingehen erziehen, dass sie begreifen, dass Gewalt keine Lösung ist.

Um an dieser Stelle die möglichen Ursachen der Tat näher zu beleuchten, sollen zunächst die ‚üblichen Verdächtigen’ der Medien näher untersucht werden. Das wären dann die Musik, die sie hörten, die Filme, die sie sahen und die Computerspiele, die sie spielten.

6.1.3.1 Die Musik

Wie schon erwähnt, hörten Harris und Klebold häufig die Musik der Bands Altrocity[6], Paradise Lost, KMFDM und Rammstein[7], kurz nach dem Massaker wurde verlautet, dass sie auch Marylin Manson[8] gehört haben sollen, was jedoch offenbar gar nicht der Fall war. Diese Musik soll sie angestiftet haben die Tat zu verüben. Bei keiner der fünf Bands bzw. Interpreten handelt es sich um Vertreter der nationalsozialistischen Ideologie, stattdessen schockieren sie durch ihre unkonventionellen Bühnenauftritte und kontroversen Texte. Musik als Ausdrucksform der Kunst sollte nicht für Ausschreitungen dieser Art verantwortlich gemacht werden, schon gar nicht wenn die untermauernden Argumente an den Haaren herbei gezogen sind. Die Botschaften in der Musik sind lediglich Spiegel der Gesellschaft. Im Fall von Goethes ‚Die Leiden des jungen Werthers’ wäre es sicher genauso unvernünftig ihm die Schuld an den Suiziden seiner Zeit zu geben. Viel mehr stellte er darin eine Problematik dar, die einige Leser nachvollziehen können und andere nicht.

Möglich ist es durchaus, dass Personen, die negative Gedanken haben oder negative Dinge planen, diese Art von Musik favorisieren, jedoch erscheint die Interpretation dahingehend, dass die Musik der Auslöser für solche Taten ist, eher unwahrscheinlich und erinnert stark an die Diskussion in den achtziger Jahren, als noch von gefährlichen Rückwärtstexten in den verschiedenen Rocksongs gewarnt wurde. Meistens waren das jedoch Warnungen von übertrieben vorsichtigen Elternverbänden und Kirchenvertretern, denen die antichristliche Einstellung einiger Musiker und Bands ein Dorn im Auge war.

6.1.3.2 Computerspiele und Internet

Das Internet ist ein Medium, dass von jedem ge- und benutzt werden kann und weitestgehend ohne Zensur funktioniert. Fast jeder kann seine Ideologien, Kenntnisse und Gedanken dort veröffentlichen, ungeachtet der Qualität des Veröffentlichten. Daher ist es auch möglich im Internet mit nationalsozialistischer Propaganda und Bombenbauanleitungen in Berührung zu kommen. Möglich ist es natürlich, dass die Täter ihr Wissen über Hitler und die Naziideologie von einschlägigen rechten Seiten bezogen haben, die in den USA im Gegensatz zu Deutschland nicht verboten sind. Eine solche Ideologie setzt sich jedoch nur im Hirn fest, wenn durch die Erziehung und die Gesellschaft der Weg im Vorhinein geebnet wurde. Da der Rassismus in den USA immer noch eine große Rolle spielt und rassistische Einstellungen häufig als normal angesehen werde, kann man nicht das Internet allein dafür verantwortlich machen. Des Weiteren war ‚nur’ ein Mord, und zwar der an Isaiah Shoels, rassistisch motiviert, bei den anderen Opfern handelte es sich eher um die Schüler, die Harris und Klebold vorher körperlich und verbal attackiert hatten.

Möglich ist auch, dass sie die Anleitungen zum Bauen ihrer Bomben aus dem Internet bezogen, diese wären jedoch auch mit einigem Wissen in Physik und Chemie herstellbar gewesen. Das Internet und die Aktivitäten der Täter im Internet jedoch für die Tat verantwortlich zu machen, ist sehr kurzsichtig, da jeder Mensch selbst dafür verantwortlich ist, welche Informationen er bezieht und wie er sich für sich verwertet.

Ein weiterer Punkt sind die Computerspiele die die beiden spielten. Hierin sahen die Medien sofort einen Anknüpfungspunkt um die Motive und Ursachen zu erklären.

„Nach Amokläufen wie in Littleton, Colorado 1999 und Erfurt stellt sich die Frage nach den Ursachen für solche Gewaltverbrechen. Die jugendlichen Täter hatten sich in diesen und ähnlichen Fällen zuvor sehr intensiv mit extrem gewaltverherrlichenden Computer- und Videospielen beschäftigt. Die Taten selbst weisen oft Ähnlichkeit zu den Spielen auf.“[9]

Es wird berichtet, dass die Täter Fans des Egoshooters ‚Doom’ waren. In anderen Darstellungen soll es das Spiel ‚Quake’ gewesen sein, mit dem sie angeblich trainierten. Ziel des Spiels ist es, den Marsmond Phobos vor der Invasion durch Monster und Dämonen aus der Hölle zu retten. Man spielt einen Helden, der, mit verschiedenen Waffensystemen ausgestattet, unterschiedlichste, teilweise menschenähnliche, Kreaturen töten muss. Dieses Spiel ist in verschiedenen Teilen seit 1993 weit verbreitet und wurde von sehr vielen Computerspielern gespielt, die nicht Amok gelaufen sind. Ist es nicht etwas kurzsichtig, ein Spiel für solch eine Tat verantwortlich zu machen, wenn das Spielen zum einen nur einen kleinen Teil ihrer Freizeit ausmachte und es sich zum anderen bei Harris und Klebold um intelligente Jugendliche handelte, die sich, laut ihrer selbst gedrehten Videos ganz genau im Klaren über die Konsequenzen ihrer Tat waren? Einer der Entwickler des Spieles sagte in einem Interview, auf die Frage, was er dazu sage, dass die Kritiker der Computerspiele, ‚Doom’ und Co. für Mordsimulationen halten:

„ Jeder weiß, dass Morden im echten Leben etwas Schreckliches ist. Wenn man im Spiel töten kann, dann bedeutet das nicht, dass man es in der Realität auch will. … Diese Jungs hatten schon mentale Probleme, bevor sie an die Spiele kamen. Wenn es nicht diese Spiele gewesen wären, dann würde man jetzt Filme wie ‚Terminator’ verantwortlich machen. Aber das ist eine Diskussion, die sich seit Jahrzehnten wiederholt. Was immer die Jugendkultur hervorbringt, wird von Älteren oft für gefährlich gehalten. Auch Comic-Hefte und Rockmusik galten irgendwann als jugendgefährdend.“[10]

Die Hinterbliebenen der Opfer waren jedoch der Meinung, dass diese Spiele der Auslöser bzw. die Ursache waren, wie folgende Medienmeldungen zeigen:

„Die Witwe des ermordeten Lehrers Dave Sanders und dessen zwei Stieftöchter verklagen nun 25 Medien-Unternehmen auf Schadenersatz. Die Klage richtet sich hauptsächlich gegen die Hersteller von Videospielen, darunter Nintendo, id Software, GT Interactive, Activision, Sega, Sony, Atari und Virgin Interactive und beläuft sich auf fünf Milliarden US-Dollar, meldete die Denver Post. Weder Nintendo noch die Familie Sanders gaben bisher einen Kommentar ab.“[11]

Die Klage wurde jedoch im März 2002 zurückgewiesen.[12] Ähnlich war es bei einer Klage gegen die Spielherstellerfirma Eidos.

„Richter Lewis Babcock sah es als erwiesen an, dass das von den Hinterbliebenen kritisierte Eidos-Spiel Final Fantasy 7 keinen Einfluss auf das Verhalten der Jugendlichen ausgeübt habe.“

6.1.3.4 Filme

Im Rahmen der wohl endlosen Debatte über die negative Wirkung brutaler Actionfilme, ist auch im Fall des Littleton Massakers die Diskussion wieder in diese Richtung gegangen. Daher möchte ich in diesem Absatz auch nur kurz darauf eingehen. Es werden Filme wie ‚Pulp Fiction’ und ‚Natural Born Killers’ angeführt, die die Täter besonders gern mochten. Zum ersten Film ist zu sagen, dass er aufgrund des unkonventionellen Regiestils Quentin Tarantinos zum allgemeinen Kultfilm der Jugendlichen der neunziger Jahre geworden ist. Man sollte also lieber fragen, welcher junge Mensch zwischen 16 und 35 diesen Film nicht mag. Bei ‚Natural Born Killers’ handelt es sich um eine Satire auf die amerikanische Gesellschaft, die Gewalt glorifiziert, indem sie am liebsten hautnah in den Medien darüber berichtet. Oliver Stone macht darin klar, dass die Medien von der alltäglichen Gewalt leben und ihr Geld damit verdienen, und dass genau aus dem Grund, weil die Zuschauer es sehen wollen. Ein Massenmord ist eine Sensation. Das Massaker in Littleton hat sicherlich bei einigen Karrieren geholfen und eine Menge Geld eingebracht. Als Zuschauer fühlt man in der Regel nicht, was Opfer fühlen, sondern man sieht oftmals nur einen weiteren Film und freut sich über die gebotene “Action”, die einen aus dem langweiligen Alltag rausholt.

Also taugen die brutalen Filme, die die Medien als Ursache für die Tat heran zogen auch nicht wirklich als Erklärungsansatz.

6.1.4 Schlussfolgerungen

Zusammengefasst gesehen, waren die zuvor aufgeführten Komponenten vielleicht zu kleinen Teilen Auslöser oder Inspirationen zur Tat. Jedoch sollte man nicht außer Acht lassen, dass es sich bei Harris und Klebold um zwei junge Menschen handelte, die mit ihrem Leben unzufrieden waren. Von den erfolgreichen Sportlern in der Schule wurden sie gehänselt, angegriffen oder ignoriert. Keiner hat sich wirklich für sie interessiert. Ein Nachbar sagte nach der Tat über Harris: “Er war so ein netter Junge.“ Dabei hatte gerade dieser Nachbar mehrfach mit angehört wie Harris und Klebold hinter dem Garagentor Glas zerschlugen um daraus Splitterbomben zu bauen. Auch das sie mit Armbinden auf denen Hakenkreuze abgebildet waren und der Spruch: „I hate people“ stand, herumliefen schien keinem aufgefallen zu sein. Auf Grund des mangelnden Interesses der Eltern, das sich durch ihre Unwissenheit über die Aktivitäten ihrer Söhne zeigt, der Ablehnung ihrer Mitschüler und ihrer gesamten, fast nihilistisch anmutenden Lebenseinstellung, kann man darauf schließen, dass es sich bei dem Amoklauf im Prinzip um einen Suizid handelte. Der Unterschied zu anderen Suiziden besteht jedoch darin, dass sie vor hatten in einer großen Inszenierung abzutreten, was ihnen auch gelungen ist. Da es ihnen, innerhalb des behüteten, ignoranten und von sportlichen Leistungen dominierten, Vorstadtlebens, nicht gelungen ist ihre eigene Identität zu finden und auszuleben, sahen sie keinen anderen Ausweg. Später wurde noch bekannt, dass Harris in psychiatrischer Behandlung war und ein Psychopharmakon namens Luvox einnahm, dieses Medikament wirkt ähnlich wie Ritalin.[13] Sabine Ruscheweyh schrieb in diesem Zusammenhang in ‚Der Spiegel’:

„Eine Initiative des Europarats forderte bereits 1991 aufgrund der bei der US-Gesundheitsbehörde registrierten 14000 Fälle von gefährlichen Nebenwirkungen, unter anderem Morde und Selbstmorde, dass diese Droge vom Markt genommen werden soll. Menschen können unter Psychopharmaka zu gefährlcihen Killern werden. Trotzdem wird die Vergabe dieser persönlichkeitsmanipulierenden Droge durch Psychiater weiterhin als „Therapie“ angewendet“[14]

Ein weiterer Punkt ist die Verfügbarkeit der Waffen, ein Aspekt, den Michael Moore in seinem Film ‚Bowling for Columbine’ sehr deutlich zum Ausdruck bringt. Es war für die Täter problemlos möglich sich die, für die Tat, benötigten Waffen zu besorgen. Des Weiteren galten beide schon vorher als Waffennarren, was sie auch in einem ihrer Videos selbst darstellten. Wenn nun die Waffen verfügbar sind und die Fähigkeit und Bereitschaft sie zu benutzen gegeben ist, ist es nicht weiter verwunderlich, dass Harris und Klebold in dieser aussichtslos scheinenden Phase ihres Lebens, so entschieden.

Doch für die Medien, denen ein großer Teil der Schuld an dem Massaker zugeschrieben wird, war der 20. April 1999 ein Glückstag, denn nichts fasziniert die amerikanischen Fernsehzuschauer so sehr wie reale Gewalt, das zumindest resümierte ein Reporter der ‚New York Times’:

„Wir machen sie [die Gewalt] aufregend. Wir feiern sie. Wir romantisieren sie. Wir erotisieren sie. Und vermarkten diese Geräte, die jedem von uns das Morden ermöglichen. Macht ja nichts. Steck einfach eine Pistole ein und fahr runter zum Videostore, um dir ein paar aufregende Videos zu besorgen, in denen Frauen umgebracht werden. Und wenn dir jemand in den Weg kommt – knall ihn ab.“[15]

6.2 Bad Reichehall (Bayern) – 01. November 1999

Am 01. November 1999, dem katholischen Feiertag Allerheiligen, schießt der 16jährige Martin Peyerl aus dem Fenster des elterlichen Hauses auf Passanten. Außerdem erschießt er seine Schwester im Haus, sowie die Katze. Am Ende seines Amoklaufes bringt er sich selbst mit deiner Schrotflinte um und wir, als die Polizei eintrifft, tot in der Badewanne gefunden. Die Gesamtbilanz dieser Tat ist: fünf Toten und drei Verletzte.

6.2.1 Der Täter und die Tat

Martin Peyerl war ein 16jähriger Auszubildender in einem Schlossereibetrieb und hatte acht Wochen vor der Tat seine Ausbildung begonnen, nachdem er seinen Hauptschulabschluss gemacht hatte. Sein Ausbilder und andere Bekannte beschrieben ihn als einen ruhigen, verschlossenen jungen Mann, nicht sehr gesprächig und auch nicht kontaktfreudig, ein verschlossener Typ eben. Er sei handwerklich begabt gewesen und in seiner Kleidung und Haartracht keineswegs auffällig. Er sei ein bisschen rechtsradikal gewesen, berichten Bekannte von ihm, jedoch scheiterte sein Versuch sich einer rechtsradikalen Clique anzuschließen, da diese ihn aufgrund seiner Schüchternheit und seiner körperlichen Mängel[16] nicht aufnehmen wollten.

Mit seinen Eltern wohnt er in einem rustikalen dreistöckigen Haus. Über seine Mutter gibt es wenige Informationen. Von seiner Schwester ist bekannt, dass sie im Nachbarort ein Praktikum als Altenpflegerin machte und mit einem Skinhead liiert war. Sein Vater war Zeitsoldat gewesen, nach seiner Entlassung aus der Bundeswehr Hausmeister und zur Zeit der Tat arbeitslos. Es wurde in den Medien berichtet, dass er ein Alkoholproblem hatte. Er war Mitglied in der örtlichen ‚Reservistenkameradschaft’, ging regelmäßig zu deren Treffen, wo er sich mit anderen Kameraden traf und bei einigen Bier über die ‚alten Zeiten’ sprach. Außerdem war er ein Waffensammler, er hatte in seinem Waffenschrank 19 ‚scharfe’ Waffen gelagert, von denen nur 17 legal und registriert waren, und in der Garage stand eine Zielscheibe in der Form eines Menschen. Dort machte er häufig mit seinem Sohn Schießübungen. Auch von Martin Peyerl wird berichtet, dass er ein Faible für Waffen aller Art hatte. In seinem Zimmer fanden die Polizisten nach der Tat eine Playstation mit verschiedenen Spielen, verschiedene nationalsozialistische Symbole, so z.B. ein großes Hakenkreuz am Kopfende seines Bettes an die Wand gemalt, sowie ein gerahmtes Bild von Adolf Hitler im Zimmer seiner Schwester. Des Weiteren wurden in der ganzen Wohnung CDs mit rechtsradikaler Musik gefunden. Die Eltern sagen bei der Vernehmung, dass nichts auf eine solche Tat hingedeutet hatte.

Am 01. November 1999 gegen Mittag beginnt Martin Peyerl aus dem Fenster des Hauses seiner Eltern zu feuern. Er traf den Schauspieler Günther Lamprecht, der mit zwei weiteren Personen in seinem Mercedes saß und zum gegenüberliegenden Krankenhaus fahren wollte. Ebenso verletzte er die beiden Mitfahrer in Lamprechts Auto, zum Teil schwer. Einen Patienten des Krankenhauses, der kurz eine Zigarette rauchen wollte, tötete er mit einem Kopfschuss. Außerdem traf er das Nachbarehepaar, das sich gerade in der Garagenauffahrt aufhielt. Der Mann war sofort tot und die Frau erlag nach einiger Zeit ihren Verletzungen. Der Beschuss dauerte ca. eine halbe Stunde. Im Anschluss daran tötete er seine 18jährige Schwester, die Katze und sich selbst.[17]

6.2.2 Ursachen der Tat

Warum verübte Martin Peyerl diese Tat, nachdem er doch von verschiedenen Personen als ruhiger, unauffälliger Typ beschrieben wurde. Die Medien sahen in erster Linie die Computer- und Videospiele als Auslöser für die Tat.

„Der Täter soll viele Stunden mit dem Programm „Counter-Strike“ verbracht haben; auch die Amokschützen, die 1999 im amerikanischen Littleton und in Bad Reichenhall mordeten, besaßen solche Spiele.“[18]

Der Staatsminister und Ministerkandidat Huber sagte z.B. am 31. März 2001 zum 50-jährigen Jubiläum des Schützenbezirks Niederbayern zu den Amokläufen:

„Die schrecklichen Ereignisse von Bad Reichenhall, Metten und Brannenburg haben uns aufgerüttelt. Wir müssen alles tun, um Gewalt bei Jugendlichen zu unterbinden bzw. zu verhindern. Gewalt bei Jugendlichen hat immer ein ganzes Bündel von Ursachen, die vielfach auch im unkontrollierten Konsum von Gewalt verherrlichenden und schwer jugendgefährdeten Videofilmen und von sogenannten Killerspielen liegen. Der Einfluss der Medien auf unsere Kinder und Jugendliche ist oftmals kontraproduktiv zu unseren Wertvorstellungen, die wir unseren Kindern vermitteln wollen, die gerade auch in den Schützenvereinen vermittelt werden.“[19]

Die Psychologen und Kriminologen hatten Probleme die Ursachen der Tat zu erklären, jedoch waren sie sich in einem Punkt einig, nämlich, dass Peyerl die Tat nicht im Affekt verübte, sondern dass sie genau vorbereitet war. Der Ärztliche Direktor des thüringischen Landeskrankenhauses für Psychiatrie und Neurologie in Mühlhausen spricht davon, dass die Tat sicher lange vorbereitet gewesen war und dass sie lediglich von einem „finalen, vermutlich kränkenden Ereignis ausgelöst“[20] wurde. Lothar Adler, der sich schon seit Jahren mit dem Phänomen Amoklauf beschäftigt, führte dazu folgendes aus: „Für uns Außenstehende sieht das alles so wahnsinnig überraschend und plötzlich aus. … In Wirklichkeit halten wir eine solche Tat vor allem deshalb für plötzlich, weil sie uns so sinnlos erscheint.“[21]

Wenn man nun die Fakten zusammen zählt, die Häufung rechtsradikaler Elemente und Aktivitäten, möglicherweise motiviert durch die väterlichen Treffen mit den Kameraden und deren Gespräche, der einfache Zugang zu den Waffen seines Vaters und das Training an den Waffen. Dazu kommen der Rückzug von anderen und die Ablehnung derer die er bewunderte. Keinem in seiner Umgebung will etwas aufgefallen sein, nur seine Schwester Daniela erwähnte innerhalb ihrer Schwesternausbildung einer Lehrerin gegenüber, dass ihr Bruder vermutlich unter einer Psychose leide. Als die Lehrerin ihr riet mit ihren Eltern darüber zu sprechen, wiegelten diese ab und wollten nichts davon hören. Die Lehrerin sagte später, dass Daniela darüber sehr besorgt war.[22] Ein anderer Aspekt ist die Prüfung der Ärzte auf Drogen und Alkohol bei der Obduktion, Peyerl soll keine dieser Stoffe im Blut gehabt haben. Unterlassen wurden jedoch Aussagen über eine eventuelle Einnahme von Ritalin. Laut Berichten wurde bei vielen Amokläufern in den letzten Jahren festgestellt, dass sie längere Zeit mit Ritalin oder ähnlichen Medikamenten therapiert wurden. Die Nebenwirkungen sind vielfältig und vor allem bei falscher Diagnose oder Dosierung sehr gravierend.[23]

6.3 Erfurt – Gutenberggymnasium – 26. April 2002

Am 26. April 2002 erschoss der 19jährige Robert Steinhäuser in seiner alten Schule, dem Gutenberggymnasium, 16 Menschen, darunter 12 Lehrer, die Sekretärin der Schule, einen Polizisten und zwei Schüler. Es handelt sich dabei um den Amoklauf mit den meisten Opfern, der an einer Schule stattgefunden hat.

6.3.1 Der Täter und die Tat

Über Steinhäuser findet man aufgrund der Aktualität der Tat und deren Brutalität sehr viele verschiedene Angaben. Einige schildern ihn als ruhigen, eher phlegmatischen Typen, der sich absonderte und mit Freizeitaktivitäten wie Videofilme schauen, Computer spielen und Musik hören beschäftigte. Doch dann gibt es auch andere Darstellungen, z.B. die des Robert Steinhäuser, der sich aktiv in die Gestaltung eines Theaterstückes für eine Schulaufführung einbringt und der im Schützenverein ‚Domblick’ trainiert und gute Fortschritte gemacht hatte, so sein ehemaliger Schießwart Hans Meitz, „zum Schluss hat er ziemlich gut geschossen, auf 25 Metern dicht am Schwarzen.“[24] Nach einigem Training und Gesprächen mit dem Vereinsvorsitzenden Eilers bekam Steinhäuser dann 16. Oktober 2001 seine Waffenkarte, das bedeutete, er durfte sich selbst Waffen und Munition kaufen und sie auch zu Hause aufbewahren. Er kaufte sich bald darauf auch eine Glock 17 und eine Pumpgun. Da sein Taschengeld reichlich bemessen war und er länger gespart hatte waren diese Kosten auch kein Problem für ihn.

Einen besten Freund hatte er, mit dem sich auch regelmäßig traf und Computer spielte oder Musik hörte, manchmal zogen sie auch gemeinsam mit ein paar anderen durch die Kneipen oder schauten sich zusammen Videos an. Seine Eltern sprachen immer wieder davon, dass sie gut mit ihm ausgekommen seien, dass er der Mutter des Öfteren bei der Erledigung verschiedener Arbeiten half und seine Katze Susi aufmerksam versorgte. Ein wenig verschlossen sei er gewesen, aber das hatten sie auf das Alter geschoben. Die Eltern, Günter und Christel Steinhäuser, hatten zwei Söhne, der ältere Peter, studierte zur Tatzeit an der FH, ist ein erfolgreicher Handballtorwart und sieht gut aus, für Robert Steinhäuser ist dies möglicherweise ein Problem, da er eher unsportlich und in der Schule nicht so erfolgreich war. Die Eltern arbeiten beide, der Vater als Elektroingenieur bei Siemens und die Mutter im Schichtdienst in der Hautklinik. Die familiäre Situation scheint intakt zu sein.[25]

Seine schulische Karriere dagegen war weniger intakt, nach der Grundschule ging er zuerst auf eine Realschule, die aber keinen guten Ruf hatte und aus der ihn die Eltern so schnell wie möglich wieder ausschulen wollten. Daraufhin kam er an das Gutenberggymnasium, dort lief bis zur 11. Klasse dann auch alles durchschnittlich gut, doch es deuteten sich bei genauerer Betrachtung schon vorher Probleme an. Steinhäusers Noten wurden schlechter und er immer verschlossen, vermutlich war er mit den gymnasialen Anforderungen überfordert. Die 11. Klasse wiederholte er, „weil er das Gefühl hatte, er packt es überhaupt nicht.“[26]sagte seine Mutter später. Während der 11. Klasse versucht er an einer Gesamtschule die Prüfung für einen Realschulabschluss zu machen, gibt jedoch auf. Nachdem er einige Male geschwänzt hatte, fälschte er ein Attest und legte es in der Schule vor. Die Fälschung wurde bemerkt und in einem Gespräch mit dem Fachlehrer, der Schulleitung und dem Kurssprecher hat man in seiner Gegenwart beschlossen, ihn an eine andere Schule zu verweisen. Das war Ende November oder Anfang Dezember des Jahres 2001, von diesem Zeitpunkt an ging Steinhäuser nicht mehr zur Schule. Die Eltern ließ er in dem Glauben er ginge weiterhin ins Gutenberggymnasium und seinen Freunden in der Schule erzählte er, er ginge jetzt in eine andere Schule. Stattdessen ging er jeden Morgen in ein Café im Einkaufszentrum, dort saß er dann bis zum Mittag, wie eine Kellnerin später berichtete und las oder schrieb etwas.[27] Am 26. April 2002 waren dann die schriftlichen Abiturprüfungen im Gutenberggymnasium, Steinhäuser ging auch hin, doch nicht um die Prüfung mitzuschreiben.

An diesem Morgen verließ Steinhäuser das Elternhaus und ließ seine Eltern in dem Glauben er würde zur Prüfung gehen, kurz darauf kehrte er noch einmal zurück, da er etwas vergessen hatte. Er ging zur Schule und zog sich auf einer Toilette um, danach, nun in schwarzen Sachen und mit einer Maske bekleidet, ging er vermutlich zuerst ins Schulsekretariat und erschoss dort die Sekretärin Anneliese Schwertner und die stellvertretende Schulleiterin Rosemarie Hajna. Danach geht er in den ersten Stock des Schulgebäudes und betritt verschiedene Zimmer, dort tötet er dann den Physiklehrer Peter Wolff, den Mathelehrer Hans-Joachim Schwertfeger und später dann im Treppenhaus den Biologielehrer Hans Lippe. Im zweiten Stockwerk angekommen, trifft er auf die Deutschlehrerin Monika Burghardt und die Kunstlehrerin Gabriele Klement, beide erschießt er. Da die Tür des Raumes 208 verschlossen ist, schießt er durch die Tür und trifft die Schüler Susan Hartung und Ronny Möckel tödlich.[28] Außerdem erschießt er im zweiten Stockwerk noch die Französischlehrerin Yvonne-Sofia Fulsche-Baer. Danach begibt er sich in den dritten Stock, wo er dann die Biologielehrerin Heidemarie Sicker, die Referendarin Carla Pott und die Deutschlehrerin Heidrun Baumbach tötet. Im Anschluss sterben durch seine Schüsse noch die Kunstlehrerin Birgit Dettke und der Polizist Andreas Gorski. Er steigt dann noch einmal in den ersten Stock und trifft dort auf den Geschichtslehrer Rainer Heise, der ihn anspricht und erkennt, dass es sich bei dem Täter um Steinhäuser handelt. Er spricht kurz mit ihm und sperrt ihn anschließend vermutlich in einen Vorbereitungsraum ein, wo Steinhäuser sich selbst mit der Pistole in den Kopf schießt.

6.3.2 Ursachen der Tat

Als es um die Ursachen der Tat vom 26. April 2002 ging waren die Medien schnell mit verschiedenen Erklärungsansätzen. Wieder einmal hieß es, die Musik, die Videos und die Computerspiele seien Schuld. Auch im Fall Steinhäuser, sollen die Ursachen etwas näher betrachtet werden. Da jedoch das Thema Musik und gewalthaltige Videos im Abschnitt des Massakers von Littleton schon ziemlich ausführlich betrachtet wurden, werden in dieser Betrachtung die Computerspiele im Vordergrund stehen.

6.3.2.1 Computerspiele

Schon kurz nach der Tat war in vielen Zeitungen zu lesen, dass der Täter mit dem Computerspiel ‚Counterstrike’ vor der Tat trainiert hätte. Die Formulierungen erreichten sogar bei renommierten, vermeintlich seriösen Zeitungen das Niveau von Boulevardblättern.

So schrieb z.B. die FAZ am 28. April 2002 „Das populäre und indizierte Computer-Onlinespiel Counter Strike“ sei das Spiel der „Hassindustrie“. Laut FAZ spielen ständig 500.000 Spieler „das Spiel, in dem man vom Polizisten (sogar die GSG 9) über den Passanten bis hin zum Schulmädchen jeden erschießen soll“.[29] Auch ‚Der Spiegel’ nannte das Spiel ‚Counterstrike’ als eine der Ursachen des Amoklaufes und betitelte es als „das Brutalste und Bestialischste … was die Erfinder von Einzelkämpfer-Spielen auf den Markt geworfen haben…. Das perfekte Trainingslager.“[30] Auch Politiker, wie Gerhard Schröder, Edmund Stoiber und Günther Beckstein benannten in ihren Statements Spiele wie ‚Counterstrike’ als Ursachen. Es wurde nach der Tat in vielen Medien diskutiert, ob eine Indizierung des Spiels sinnvoll wäre, jedoch kam es nicht dazu.

Ein großes Problem besteht darin, dass ‚Counterstrike’ in den Medien falsch dargestellt wird, vor allem, wenn es um die Spielziele und die Darstellung geht, doch dazu wird im weiteren Verlauf der Arbeit noch eingegangen.

6.3.2.2 Weitere Ursachen

Es gibt jedoch zwei relevante Ursachen, die in vielen Medienbeiträgen nicht deutlich gemacht wurden. Diese sind der problemlose Zugang zu den Tatwaffen und die Probleme, die Steinhäuser in der Schule hatte.

Es begann auf einer Klassenfahrt im Jahr 2000, als Steinhäuser, nachdem er mit einigen Mitschülern Alkohol getrunken hatte, auf den Lehrer Hans Lippe mit dem ausgestreckten Zeigefinger zielte und Schüsse simulierte, diese Aktion brachte im einen Verweis ein, der Beginn einer ganzen Reihe von Disziplinarmaßnahmen der Schule. Als er dann in der 11. Klasse war, ließen seine schulischen Leistungen immer mehr nach. Sein Vater hatte bei einem Elternsprechtag den Lehrer gebeten, ihn anzurufen, wenn es Probleme gebe, doch bis zum 26. April 2002 erreichte Steinhäusers Vater kein Anruf von der Schule. Steinhäuser schwänzte mehrfach und fälschte sich Atteste, das flog dann im Herbst 2001 auf und es wurde ihm bei einem Gespräch mit der Schulleitung, dem Kurssprecher und dem Fachlehrer mitgeteilt, dass er von der Schule verwiesen werde. Es fand jedoch nie eine Schulkonferenz für Steinhäuser statt und auch seine Eltern wurde nie davon in Kenntnis gesetzt, dass ihr Sohn das Gutenberggymnasium nicht mehr besuchte, des weiteren wurde auch nie der schulpsychologische Dienst des Schulamtes eingeschaltet. Im Freistaat Thüringen ist es zu dieser Zeit jedoch so gewesen, dass ein Schüler, der während er die Sekundarstufe II besucht von der Schule abgeht, gar keinen Schulabschluss hat. Das heißt, dass Steinhäuser nach 11 Schuljahren ohne Schulabschluss da stand.[31]

Ego-Shooter und Gewaltfilme sollen „nicht ausschlaggebend“ für den Amoklauf von Erfurt gewesen sein – zu diesem Ergebnis kommt das Landeskriminalamt Thüringen in einem Täterprofil, dass zwei Wochen nach der Tat fertig gestellt worden ist. Nach Ansicht der Ermittler war der von den Eltern ausgeübte Erfolgsdruck der Hauptgrund, warum Robert Steinhäuser am 26. April zur Waffe griff. Des Weiteren ist in dem Bericht des LKA die Rede von einem ‚kalten Klima’ in der Familie, die zu Beginn der Berichterstattung immer als intakt hingestellt wurde.[32] Nach all diesem Druck und dem Schulverweis brach für Steinhäuser eine Welt zusammen, deshalb versuchte er die Illusion aufrecht zu erhalten, indem er seinen Eltern vorspielte, dass er jeden Morgen zur Schule ging. Das wäre ihm jedoch nicht mehr lange gelungen, da die Prüfungen in vollem Gange waren und das Schuljahr, sein eigentliches Abschlussjahr, sich dem Ende näherte.

Ein weiterer Aspekt ist der Zugang zu den Tatwaffen, der für Steinhäuser ohne Probleme möglich war. Der Schützenverein ‚Domblick’ hatte am Gutenberggymnasium eine Informationsveranstaltung abgehalten, die die Schüler motivieren sollte, sich außerhalb der Schule in dem Verein zu engagieren. Steinhäuser war einer der Schüler die zu einem Schnupperkurs kamen und fand Gefallen an dem Umgang mit Waffen. Er trainierte mit einem Ausbilder der Erfurter Bereitschaftspolizei, dem Oberkommissar Jürgen Birnbaum. Nach einiger Zeit stellte Steinhäuser einen Antrag auf eine Waffenbesitzkarte, die ihm auch nach einiger Zeit bewilligt wurde, daraufhin kaufte er sich die beiden Tatwaffen. Er trainierte auch danach noch weiter im Verein, sein Schießwart Hans Meitz brachte ihm während des Trainings auch bei, wie man den Abzug mit der Fingerkuppe betätigt um die Waffe nicht zu verziehen, er wurde also im Schützenverein bestens ausgebildet, was ihm dann bei der Tat von großem Nutzen war.[33]

6.4 Abschließende Bemerkungen zu den Amokläufen

Wenn man nun die geschilderten Amokläufe vergleichend betrachtet, fallen einige Parallelen auf. Ein wichtiger Aspekt ist dabei der ungehinderte Zugang zu Waffen, der in allen drei Fällen gegeben war und die Täter im Vorfeld auch die Möglichkeit hatten, sich Wissen und Fähigkeiten im Umgang mit Waffen anzueignen. Weiterhin auffällig ist, dass solche Taten nicht in Großstädten stattfinden, in denen man ein gewisses Gewaltpotential an Schule vermutet, sondern eher in kleineren Städten oder Vorstadtsiedlungen. Außerdem ist in allen Fällen ein großes Maß an Desinteresse seitens der Eltern zu verzeichnen, sie bemerkten nicht, dass ihre Kinder gefährdet waren und keinen Ausweg mehr aus ihrer derzeitigen Lebenssituation zu sahen, sie bemerkten auch nicht die Vorbereitung der Tat oder irgendwelche Anzeichen, die auf eine eventuelle Kurzschlusshandlung hinwiesen. Natürlich beschäftigten sich auch alle Täter in ihrer Freizeit mit Filmen, Musik und Computerspielen, doch das tun auch eine große Menge anderer Jugendliche, die danach jedoch nicht Amok laufen.

Nachdem nun die Amokläufe an Schulen und ihre Ursachen und Auslöser näher betrachtet wurden, soll der nächste Teil der Arbeit sich näher mit dem Aspekt der Computerspiele und -spieler auseinander setzen. Denn es handelt sich hierbei immer noch um einen Teil der Jugendkultur, der durch oberflächliche Betrachtungen in den Medien sehr undifferenziert gesehen wird. Dadurch tauchen immer wieder Behauptungen und Schlussfolgerungen auf, die nicht nachvollziehbar sind, wenn man selbst spielt oder versucht diesen Bereich der Jugendkultur differenziert und objektiv zu sehen.

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[1] Vgl. http://www.wsws.org/de/1999/apr1999/colu-a28.shtml (Stand 26.12.2004)
[2] Vgl. http://www.wsws.org/de/1999/apr1999/colu-a28.shtml (Stand 26.12.2004)
[3] Vgl. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,61738,00.html (Stand 26.12.2004)
[4] Vgl. Focus Nr. 17 22.04.2000 S. 133 – 140
[5] http://www.6thfloor.de/sciencenet/littleton.php (Stand 26.12.2004)
[6] http://www.altrocity.de (Stand 26.12.2004) (Auf dem Wacken Open Air `96 zertrümmerten Atrocity vor zig Tausend Fans ein riesiges Hakenkreuz und unterstrichen einmal mehr ihren Ruf als Musiker, deren Blick weit über den Tellerrand des Metal hinaus gerichtet ist.)
[7] http://www.rammstein.de/ (Stand 26.12.2004) (Bei Rammstein handelt es sich laut Medien um das Lied ‚Weisses Fleisch’, dass angeblich zu Gewalttaten in der Schule aufruft. Liest man den Text genauer, kann man eventuell pädophilie Neigungen erkennen, nicht aber einen Aufruf zum Amoklauf.)
[8] http://www.marilynmanson.de/ (Stand 26.12.2004)
[9] http://www.pm-magazin.de/de/wissensnews/wn_id561.htm (Stand 26.12.2004)
[10] Der Spiegel, 11/2003, S. 104
[11] http://www.heise.de/newsticker/meldung/17261 (Stand 26.12.2004)
[12] http://www.heise.de/newsticker/meldung/25358 (Stand 26.12.2004)
[13] http://www.notiz.ch/wissenschaft-unzensiert/medizin/2001/april/killer.htm (Stand 26.12.2004)
[14] Der Spiegel, 19/1999, S. 14
[15] Zit. nach Der Spiegel, 19/1999, S. 15
[16] ‚Peyerl hatte einen leichten Buckel und seltsam angewachsene Ohren’, berichtete sein Freund. (Der Spiegel, 16/2002, S.115)
[17] Vgl. Götz Eisenberg: Amok – Kinder der Kälte. Reinbek 2000, S. 16-21, http://www.mediengewalt.de/_arc/pre/zei/004.htm (Stand 26.12.2004) , Der Spiegel, 45/1999, S. 110ff
[18] http://www.sueddeutsche.de/computer/artikel/315/6309/ (Stand 26.12.2004)
[19] http://www.bayern.de/Presse-Info/Reden/2001/03-31_50_Jahre_Schuetzenbezirk_Ruhstorf.html (Stand 26.12.2004)
[20] Der Spiegel, 45/1999, S. 111
[21] Der Spiegel, 45/1999, S. 111
[22] Vgl. Der Spiegel, 45/1999, S. 115
[23] Vgl. http://peaceproject.de/modules.php?name=News&file=article&sid=121 (Stand 26.12.2004)
[24] Der Spiegel, 19/2002, S. 142
[25] Der Spiegel, 19/2002, S. 122
[26] Der Spiegel, 19/2002, S. 137
[27] Der Spiegel, 19/2002, S. 137
[28] Vgl. Ines Geipel: Für heute reicht’s. Berlin 2004, S. 110f
[29] FAZ 28.04.2002
[30] Der Spiegel 19/2002, S. 131
[31] Der Spiegel 19/2002, S.138ff
[32] http://www.zdnet.de/news/business/0,39023142,2110044,00.htm (Stand 26.12.2004)
[33] Vgl. Der Spiegel 19/2002, S. 141f

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